Slow Play einer starken Hand?

TJ Cloutier, Phil Hellmuth

Für meinen heutigen Beitrag möchte ich mir gerne Inspiration durch die Weisheit von TJ Cloutier holen, dessen Buch über No-Limit Hold’em Turniere das erste Pokerbuch war, das ich jemals gelesen habe. Meine Inspiration kommt aber nicht direkt von diesem Buch sondern von seinem meines Wissens nach einzigen Auftritt in der NBC TV Show Poker After Dark. Es war in der zweiten Staffel der Show, die erstmals im September 2007 ausgestrahlt wurde.

Es wird ein wenig Vorwissen benötigt:

In der letzten Hand der vorherigen Episode wurde bei dem One-Table Turnier runtergespielt auf vier Spieler. Die Blinds waren 200/400 und Cloutier und Doyle Brunson schmissen beide ihre Karten weg. Phil Hellmuth erhöhte daraufhin auf 1.000 aus dem Small Blind mit {q-Spades}{3-Diamonds}. Erik Seidel bezahlte das Raise aus dem Big Blind mit {k-Diamonds}{q-Diamonds} auf der Hand.
Der Flop brachte {q-Hearts}{a-Spades}{3-Spades} und Hellmuth setzte 900. Seidel erhöhte auf 2.500, woraufhin Hellmuth bezahlte. Beide Spieler checkten dann den {4-Diamonds} Turn.

Der {a-Diamonds} River zerstörte Hellmuths geflopptes Two Pair (Damen und Dreien), indem Seidel das bessere Two Pair bekam, nämlich Asse und Damen mit König Kicker. Hellmuth checkte, Seidel setzte 4.000, was von Hellmuth bezahlt wurde.

Dies löste die Hellmuth typische Schimpftirade darüber aus, wie perfekt er es gespielt habe und wie viel Glück Seidel hatte um ihn zu schlagen. Unter seinen Beschwerden sagte er auch folgendes zu Seidel: „Du spielst nicht einmal in der gleichen Liga, Erik. Freu dich einfach darüber, dass dich das Deck in jedem Pot den wir spielen rettet. Ich mache mit dem Slow Play weiter und du ziehst eine glückliche Karte fünf Mal hintereinander, wenn ich slow spiele, alles einfach nur komische Beats. Und ich hätte alle fünf Pots gewinnen können, aber ich wollte, dass du…“

An diesem Punkt unterbrach Cloutier: „Ich möchte hierzu einen Kommentar abgeben. Ich denke die Lösung dafür wäre, die Hand einfach nicht slow zu spielen.“

Dies war einer dieser wirklichen „laugh-out-loud“ Momente, an die ich mich bei der Show erinnere. Und natürlich beinhaltete es auch einiges an Weisheit, auch wenn diese wohl leider durch die Aufregung am Tisch etwas unterging.

In diesen seltenen Fällen, wenn sie eine große Hand floppen – sagen wir Two Pair oder besser – was sollten sie dann tun? So wie bei allen Fragen bezüglich Pokerstrategie lautet die Antwort „es kommt darauf an“. Jedoch können wir hier eine etwas bessere Antwort geben.

Als erstes möchte ich klarstellen, dass der Kontext meiner Erläuterungen dieses Problems ein No-Limit Spiel ist, egal ob Cash Game oder Deepstack Turnier, in dem man viel Spielraum hat. Ebenfalls setze ich voraus, dass unsere Gegner keine High-Level-Denker oder Spieler sind sondern eher typische Gelegenheitsspieler.

Schauen wir uns nun die zu bedenkenden Faktoren an. Es gibt einige davon.

Position

Als generelle Regel macht Slow Play mehr Sinn, wenn sie Out of Position als in Position spielen, denn wenn ihr Gegner verlässlich ist und setzt, werden sie eventuell Geld von ihm bekommen in Spots, in denen ein Lead-out Einsatz ihrerseits ihn zum Folden bringen würde.

Dennoch kann man diese Logik auch umkehren. Die meisten Amateure werden nur eine Donk Bet mit einer sehr begrenzten Range an Händen spielen – meistens wenn sie Top Pair floppen. Sie werden sich oft für ein Check-Raise oder eine andere Form des Slow Plays mit ihren besten Händen und ihren Bluffs entscheiden. Wenn wir davon ausgehen, dass unser Gegner dies weiß, dann bringen wir ihn dazu, dass er unsere Hand Range falsch liest, indem wir mit unseren starken Händen als erstes anspielen.

Wenn wir beispielsweise {a-Clubs}{10-Diamonds} auf einem Flop von {a-Spades}{10-Hearts}{5-Clubs} halten und unser Gegner eine Hand wie {a-Hearts}{k-Spades} hat, möchten wir natürlich, dass unser Gegner unseren Lead-out Einsatz als eine Mittelstarke Hand wie etwa {a-}{9-} interpretiert und daher entweder callt oder raist.

Wer gibt den Ton an?

Es wirkt wesentlich natürlicher als erstes zu setzen, wenn preflop die letzte aggressive Action bei ihnen lag. Diese Tatsache spricht ebenfalls dafür, lieber zu setzen als passiv zu spielen.

Image am Tisch

Wenn sie beständig Continuation Bets gespielt haben, nachdem sie der Preflop-Aggressor waren, dann wird es in der Regel das Beste sein, auch so weiterzumachen, wenn sie eine starke Hand floppen. Sie wollen nämlich dass ihre Gegner denken, dass sie wieder lediglich ihrem gewöhnlichen Spielplan folgen. Ein plötzliches Wechseln zu einem passiven Spiel könnte eventuell ihre Alarmglocken läuten lassen, was das Letzte wäre, dass sie möchten.

Neigungen der Gegner

Wenn sie es mit Dr. Aggresso zu tun haben, der jedes Zeichen von Schwäche sofort ausnutzt, dann macht Slow Play mehr Sinn. Es ist die alte „gib ihm das Seil, um sich selbst zu erhängen“ Sache. Wenn sie jedoch umgekehrt an einem Tisch mit nur passiven Spielern sitzen, versuchen sie lieber das Geld einfach in den Pot zu bringen und hoffen darauf, dass die Gegner ebenfalls investieren mit ihren schwächeren Karten.

Größe des Pots

Es gilt als Allgemeinwahrheit, dass je größer der Pot ist, desto größer sollte ihre Motivation sein, diesen direkt zu gewinnen anstatt die entscheidende Action zu verzögern, während der Pot weiter wächst. Wenn es also reichlich Action vor dem Flop gab und bereits einiges an Geld in der Mitte ist, sollten sie weniger geneigt sein, ein Slow Play zu versuchen.

Anzahl der Gegner

Ich habe keine bombensichere Regel aber mehrere Gegner in der Hand bringen mich in der Regel dazu, starke Hände aktiv und nicht slow zu spielen, denn die Anzahl der Möglichkeiten, dass irgendjemand eine bessere Hand auf Turn oder River trifft, ist natürlich größer.

Textur des Flops

Die Textur des Flops ist ebenfalls wichtig. Boards mit vielen möglichen Draws stellen immer einen Hinweis dar, das Geld jetzt in den Pot zu bekommen, während sie die beste Hand halten, als nach einer weiteren Karte oder zwei, wenn sie eventuell nicht mehr vorn sind.

Abneigung gegen Risiko

Wir alle haben unterschiedliche Level des Wohlbefindens wenn es darum geht, großes Risiko für noch größere Belohnungen einzugehen. Wenn sie mit sehr großen Stacks spielen und mit einer soliden Bankroll im Rücken und wenn sie die mentale Stabilität haben, auch nach einen großen verlorenen Pot nach einer unglücklichen River Karte noch gut zu spielen, dann spricht dies dafür ihrem Gegner auch Mal die Chance zu geben, sich das eigene Grab zu schaufeln.

Slow Play einer starken Hand? 101
ein weiterer lustiger und lehrreicher Moment aus der alten "Poker After Dark" Show

Auf der anderen Seite, wenn sie dazu neigen, durch einen unglücklichen Ausgang einer Hand auf Tilt zu gehen, spricht dies eher dafür, auf Slow Play zu verzichten.

Genau genommen war dies auch genau das, was Cloutier Hellmuth gesagt hat, auch wenn er diese Terminologie nicht verwendet hat.
Sie haben nun also mindestens acht Faktoren, die bei der Entscheidung, ob sie ihr geflopptes Monster slow spielen sollten oder nicht, zu bedenken sind. Wie diese Faktoren zusammenspielen und eine bestimmte Aktion vorgeben, kann bei jeder Hand sehr unterschiedlich sein.

Grundsätzlich sollten sie nie in die Angewohnheit zurückfallen, slow zu spielen, wenn sie eine sehr starke Hand floppen. Das ist nämlich einer der häufigsten Fehler von Amateurspielern und könnte zu Ausrastern im Umfang der legendären von Hellmuth führen.

Robert Woolley lebt in Asheville, North Caronlina. Er verbrachte mehrere Jahre in Las Vegas und hielt sein Pokerleben im “Poker Grump” Blog fest.

Name Surname
Robert Woolley

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