Sie bluffen nicht, also hört auf zu callen

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Der Bluff wurde lange vor Poker erfunden. Zu bluffen heißt, mehr Stärke anzuzeigen als eigentlich da ist. In der Natur, bei Unternehmen und im Krieg greift das Konzept seit tausenden von Jahren. Poker hat das Bluffen lediglich zum Kernkonzept erhoben.

Das Bluffen hat etwas an sich, was die Leute fasziniert – obwohl im Spiel selbst gar nicht so oft geblufft wird. Poker-Neulinge sind verblüfft, dass sie viele Chips setzen können, ohne eine nennenswerte Hand zu haben.

Ich werde eine Übungshand, die ich während eines Kurses beobachtet habe, niemals vergessen. Eine Frau war All-In gegangen (wenig überraschend mit einer starken Hand) und ihr Gegner snap-callte mit Sieben hoch. „Warum haben Sie das getan?“, fragte ich so zurückhaltend wie ich imstande war.

„Ich habe geblufft.“

Ich habe auch gemerkt, dass Schüler bei der Vorstellung, geblufft zu werden, in Angst verfallen und fast paranoide Tendenzen zeigen. Sobald ich ein Szenario beschrieb, in dem ein Fold unumgänglich war, kam direkt die Frage: „Aber was, wenn er blufft?“

Ich habe dieses Verhalten mit einer Poker-Freundin diskutiert, die gleichzeitig als Psychiaterin tätig ist. Sie hat von „Verlustängsten“ gesprochen. In diesem Kontext haben die Leute also Angst davor, einen Pot zu verlieren, der „rechtmäßig“ ihnen gehört.

Auf der anderen Seite des Tisches haben wir die paradoxe Situation, dass die meisten Spieler gar nicht so oft bluffen wie sie „sollten“. „Sollte“ heißt in diesem Zusammenhang: „Der Better blufft mit einer Frequenz, die der Caller mit einem Fold oder Call nicht exploiten kann.“ Die wenigsten Spieler erreichen diese Frequenz, aber die besten spielen zumindest nahe am Optimum.

Wenn ich mich in die Lage meiner befreundeten Psychiaterin versetze, führt das Bluffen dazu, hin und wieder ein paar Chips mehr zu verlieren. Wer niemals zum Bluff greift, kann so auch keine Chips verlieren. In der Vorstellung vieler Spieler ist die Angst, Chips beim Bluffen zu verlieren, anscheinend größer als die Freude, einen „unverdienten“ Pot zu gewinnen. Diese Leute spielen, um weniger zu verlieren statt mehr zu gewinnen. Wie meine Freundin es ausgedrückt hat: „Verlustangst ist eine gewaltige Macht.“

Welche Lehren können wir aus diesen Beobachtungen für unser Pokerspiel ziehen?

1. Ihre Gegner bluffen nicht so oft wie Sie denken

Mit wenigen Ausnahmen – vor allem auf den Low Stakes – bluffen Ihre Gegner nicht so oft wie spieltheoretisch sinnvoll wäre. Theoretisch sollten wir daraus die Lehre ziehen, niemals zu callen, wenn wir die Hand, die repräsentiert wird, nicht schlagen können.

Sie sollten nie Sätze sagen wie: „Oh, ich blocke seine Bluffs nicht, also kann ich callen.“ Auch wenn die fehlenden Blocker die Wahrscheinlichkeit erhöhen, geblufft zu werden, können Sie davon keine Call- oder Fold-Entscheidung abhängig machen. Nur wenn Ihr Gegner mit der theoretisch korrekten Frequenz blufft, sind die Blocker von Bedeutung, um sich wenigstens einen winzigen Vorteil zu verschaffen.

Bis Sie das Gegenteil bewiesen haben, sollten Sie davon ausgehen, dass große Bets (insbesondere auf den späteren Streets) für starke Made Hands stehen und folden.

2. Nutzen Sie die Angst Ihrer Gegner, geblufft zu werden, gnadenlos aus

Vor ein paar Tagen habe ich $2/$3 No-Limit Hold’em gespielt und in einer Hand den Nutflush am River getroffen. Im Pot befanden sich $65, ich platzierte eine Bet von $100. Mein Gegner, der die letzte Stunde damit verbracht hatte, über mögliche Bluff-Szenarien zu sprechen, machte den Snap-Call mit Top-Pair. Ich deckte meinen Nutflush auf. Während mir der Dealer den Pot zuschob, sagte mein Opfer: „Ich dachte, du repräsentierst den Flush.“ Ich habe mich nicht zu einer Bemerkung hinreißen lassen, aber mir schoss ein Gedanke durch den Kopf: „Ja, ich habe den Flush repräsentiert. Weil ich ihn hatte.“

Ein weiteres Beispiel ist das Value-Betten, wenn der „gesunde Menschenverstand“ eigentlich davon ausgeht, dass keine schlechtere Hand callen kann. Um bei No-Limit Hold’em zu bleiben: Mit Top-Pair, Top-Kicker oder einem Overpair ist es oft möglich, drei Streets Value zu erhalten. Sie wären überrascht, mit was für schwachen Händen Ihre Gegner callen können. Checken Sie nicht, nur weil Sie keine dritte Street callen würden – geben Sie Ihrem Gegner die Möglichkeit, einen Bluff zu vermuten.

Was auch schön ist an dieser Art, zu value-betten: Wenn Ihr Gegner sich nicht zum Call überreden kann, wird die „Angst, geblufft worden zu sein“, wachsen und immer größer werden. Zeigen Sie ihm nicht die beste Hand – lassen Sie ihn schmoren. Und seien Sie nicht überrascht, wenn Ihre nächste River-Bet noch lighter gecallt wird.

3. Versuchen Sie keine Bluffs, wenn die Aktionen Ihres Gegners auf eine Value-Hand hindeuten

Es ist schwierig, eine starke Hold’em-Hand zu treffen. Wenn jemand etwas getroffen hat, ist die Angst, geblufft zu werden, kaum zu ertragen. Ihre Gegner werden die Bets ignorieren und den Fold nicht einmal in Erwägung ziehen. Sie haben nicht so lange auf Top-Pair mit König-Kicker gewartet, um jetzt zu folden.

Mir ist klar, dass die Behauptung „Ihre Gegner bluffen nicht so oft wie Sie denken“ gegenteilig zu dem ist, was Sie in den Poker-Medien zu sehen bekommen. Die Leute werden verständlicherweise von den theoretischen Konzepten des Pokerspiels angezogen. Tatsächlich machen die besten Spieler heute noch Entdeckungen, die vor zehn Jahren unbekanntes Terrain waren.

Diese Entdeckungen und die Strategien, die daraus hervorgehen, sind aber nur gegen kluge Gegner von Nutzen. Wenn Sie mit der Annahme, dass Ihr Gegner in 30 Prozent der Fälle blufft, einen Call rechtfertigen, obwohl Ihr Gegner nur in 10 Prozent der Fälle zum Bluff greift, verlieren Sie Geld.

Lernen Sie unbedingt weiter von den Besten der Besten. Aber vergessen Sie beim Pokern niemals, dass fortgeschrittene Strategien gegen einfach denkende Gegner nicht greifen.

Wenn Sie lernen wollen, wann Sie bluffen sollten und wann nicht – oder auch andere Aspekte, die eine fundierte Poker-Strategie ausmachen, beleuchten wollen –, werfen Sie einen Blick auf Lees Coaching-Seite unter leejones.com/coaching. Lassen Sie sich kostenlos beraten und finden Sie heraus, ob sein Coaching für Sie das Richtige ist.

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