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Pokerstrategie: Wann man nicht raisen sollte

Pokerstrategie: Wann man nicht raisen sollte 0001

Wenn man gerade mit dem Pokerspiel begonnen hat, wird einem als Erstes beigebracht: wenn man ein gutes Blatt hat und der Meinung ist vorne zu liegen, sollte man raisen. Dies sei eins der Grundprinzipien. Wenn man sich aber als Spieler entwickelt, stellt man fest, dass es durchaus einige Situationen gibt, in denen man diesem Rat nicht folgen sollte. Im Folgenden werden wir das Prinzip an einem Beispiel verdeutlichen. Wenn Sie unserer Argumentation Recht geben, sehen Sie, dass sogar die Spieler auf den höchsten Limits einen teuren Fehler begehen können.

In jedem Beispiel, dass sie sich anschauen, sollten mindestens drei der folgenden Bedingungen zutreffen. Falls dem so ist, könnte es besser sein nur mitzugehen anstatt zu erhöhen.

1) Sie haben eine gute Hand, denken aber, dass ein Raise Ihre Handstärke verraten könnte. Somit würde der Gegner mehrheitlich nur schlechtere Hände ablegen.
2) Es gibt die Möglichkeit, aufgrund der Boardtextur und des Setzverhaltens, dass die eigene starke Hand geschlagen ist. Durch ein Raise könnte man sich selbst eine Falle stellen, in der man sämtliche Chips verliert.
3) Sowohl der Gegner als auch wir haben viele Chips (deep stacked). Normalerweise wären 15-20% unserer Chips durch ein Raise im Pot. Somit wäre der Gegner noch in der Lage aus der Hand rauszukommen, wenn er geschlagen ist. Man selbst wäre aber mit sämtlichen Chips committed, falls der Gegner eine bessere Hand hält.
4) Wenn man überlegt nicht zu erhöhen, wäre eine Freecard natürlich die größte Gefahr. Somit darf nur ein kleines Risiko bestehen, das ein Flat-call (nur mitgehen, ohne zu erhöhen obwohl man die bessere Hand hält) dem Gegner auf der nächsten Straße die bessere Hand beschert. Idealerweise ist man der Überzeugung der Gegner hat eine Made Hand und drawt nicht. Zusätzlich gleicht der Flat-call die kleine Chance aus, dass man bereits geschlagen ist.

Die Bedingungen 1) und 2) repräsentieren den Hauptgrund nicht zu raisen. Diese sollten jedes Mal in Betracht gezogen werden, wenn man sich überlegt zu raisen. Wie viele schlechtere Hände gibt es, die noch callen verglichen zu besseren Händen (die automatisch callen werden). Falls diese gefährlichen Hände die schlechten Hände des Gegners (mit denen er noch callt) überwiegt, sollte man eher konservativ spielen und nur callen.

Die Tarnung des Flat-calls

Es gibt natürlich auch andere Faktoren die für einen Flat-call sprechen. In dem man, statt zu raisen, nur callt, wird einen der Gegner auf eine viel größere Handrange setzen. Dies könnte ihm noch eine Valuebet mit einer marginalen Hand am River entlocken bzw. könnte er die nächste Straße nochmals bluffen. Diese Art eine Falle zu stellen sollte eine Waffe im Arsenal sein und nicht der ganze Angriffsplan. Eine aggressive Spielart vermeidet Freecards und bringt mehr Value.

Beispiel:

Dieses Beispiel kommt aus der beliebten Sendung High Stakes Poker. Der Kommentator Gabe Kaplan bewertete Guy Lalibertes Raise als sehr gefährlich und dem kann ich nur zustimmen.

Sammy Farha (J7) und Laliberte ({10-Clubs}{9-Spades}) callten den Einsatz von Barry Greenstein ({a-Hearts}{q-Hearts}) am Flop mit {q-Diamonds}{9-Spades}{8-Hearts}. Die {9-Clubs} auf dem Turn gab Laliberte einen Drilling und er stand einer weiteren Bet von Greenstein und einem kräftigen Raise von Farha gegenüber.

$80.000 waren im Pot und alle Spieler hatten noch über $400.000 in Chips vor sich. Ein Raise von Laliberte würde ihn wahrscheinlich sämtliche Chips kosten, wenn er das Pech hätte gegen die von Farha repräsentierte Hand zu laufen. Die 3. Bedingung hat sich also erfüllt.

Warum sollte man nicht raisen

Der Turn war ideal für Laliberte – er hatte wohl gerade beide Gegner überholt. Warum sollte man nicht raisen?

Lalibertes Hand liegt am unteren Ende der wirklich guten Blätter. Sollte einer der Gegner ebenfalls die 9 auf der Hand haben, hätte er wahrscheinlich einen besseren Kicker. Zusätzlich waren auch eine Straße und zwei Full Houses möglich.

Die Bedinungen 1) und 2) sind somit erfüllt. Es gibt genug mögliche Hände, die Laliberte schlagen. Sein Raise ermöglicht es jedoch ordentlichen, aber schlechteren Blätter zu folden. Außerdem würde er durch eine Erhöhung seine Handstärke praktisch verraten. Einen Checkraiser in einem Pot zu dritt nochmals zu raisen deutet auf absolute Stärke hin und ist eine eindeutige Warnung an die anderen Spieler. In dieser Situation konnte Farha mit seinem schlecht getimten Bluff noch aussteigen.

Könnte er eine Freecard geben?

Bei dieser Textur des Boards, hätten beide Straightkarten keine Probleme für Laliberte bedeutet. Ein J gäbe ihm die Straße, die 10 wäre sogar noch besser für ihn. Leider verspielte er hier die riesige Chance, dass der River eine echte Schlüsselkarte bringen könnte. Wäre die Zehn gekommen, hätte sich Farhas Straightdraw materialisiert während Laliberte ein Full House bekommen hätte.

Gelegentlich trifft man diese Konstellationen in der Straightkarten keine Bedrohung für Drillinge sind (safe three of a kind). Z.B. 76 bei 8664 auf dem Board oder bei KJ mit JJ109 in der Mitte. Diese Flexibilität bieten meist nur Omaha-Hände. Weitere Action auf den folgenden Straße sollte hier mit einem Flat-call induziert werden.

Bedingung 4) ist somit fast einwandfrei erfüllt. Ein Risiko, das Laliberte durch seinen Raise ausgeschlossen hat war, dass Greenstein am River nicht noch eine Dame erwischt. Die Gefahr von zwei Outs ist aber Nichts im Vergleich zum Value aus Greensteins Call.

Sein Fehler hätte aber deutlich teurer ausfallen können. Falls sie sich einmal in einer Situation mit einem safe three of a kind wiederfinden, sollten Sie nicht raisen, sondern nur mitgehen.

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