Poker und Sport-Psychologie Teil 4

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Barry Carter hat herausgefunden, dass der Experte für Sportpsychologie, Jared Tendler, wirklich dazu beigetragen hat, sein Poker-Game zu verbessern. Wenn Sie Interesse haben die ganze Geschichte zu verfolgen, dann finden Sie hier Teil 1, Teil 2 und Teil 3.

Obwohl ich durch die Betreuung des Sportpsychologen Jared Tendler jetzt nicht zum Mega Poker-Star geworden bin, fühlte ich mich sehr wohl und war mit meiner Weiterentwicklung sehr zufrieden. Ich machte schrittweise, kleine Fortschritte bei meinem Spiel und jeden Tag hatte ich das Gefühl, dass ich wieder einen Schritt nach vorne gemacht habe. Meine Angst davor Risiken einzugehen, war komplett verschwunden und ich hatte kein schlechtes Gefühl mehr, wenn das Board gegen mich war. Ich hatte gelernt, dass ich vorher frustriert war, ohne einen besonderen Grund dafür zu haben.

Man könnte also annehmen, dass ich mich jetzt durch die Betreuung innerhalb eines Monats zum weltbesten Pokerspieler entwickelt habe und alle meine emotionalen Lücken bei meinem Spiel verschwunden sind. Ich bin jetzt auf dem richtigen Weg, um das große Geld zu gewinnen.

Oder vielleicht auch nicht...

In den wenigen Wochen hatte ich einige schlechte Sessions direkt hintereinander. Es waren Sessions, bei welchen es einfach schlechter als erwartet lief. Nichts wirklich erschreckendes, ich habe einfach einige Coin-Flips verloren und lief mit guten Händen in noch bessere Hände. Ich nahm die Rückschläge zwar relativ gelassen hin, viel gelassener, als ich es einige Monate zuvor gekonnt hätte, aber irgendwie summierten sich die Ereignisse.

Eines Morgens spielte ich Online an einer ganzen Anzahl von Cash Game Tischen und musste schon wenige Minuten nach Spielbeginn einen heftigen Bad Beat hinnehmen. Wie reagierte ich?

Normalerweise würde man laut fluchen oder vor Frustration mit der Faust auf den Spieltisch schlagen. Ich reagierte allerdings ganz anderes auf diese Situation, ich empfand nichts, ich fühlte mich nur leer und betäubt. Kurz danach verlor ich erneut und ich fühlte noch viel weniger (Mir ist schon bewusst, dass es sich komisch anhört, wenn ich sage, dass ich noch weniger fühlte, wenn ich vorher schon erwähnte, dass ich nichts fühlte). Mit jeder Hand welche ich unglücklich verlor, wurde wuchs das Gefühl der Betäubung.

Nach 40 Minuten in dieser Session, in welcher ich es nicht schaffte zu gewinnen, führte der akkumulative Effekt dieser verlorenen Hände dazu, dass ich mich plötzlich fast wie in einer Bewusstlosigkeit fühlte. Ich fühlte mich, als würde ich irgendwie neben mir stehen und konnte mich nicht mehr konzentrieren und meine Finger betätigten die Buttons, ohne, dass ich wissentlich darauf Einfluss hatte. Dies war definitiv mein schlechtestes Spiel seit langer Zeit, da ich gelernt hatte, nicht wütend zu werden, hatte ich nun auf andere Art und Weise reagiert, was sich aber ebenfalls als schlechte Reaktion erwies. Ich war auf Mega Tilt oder wenigstens auf Tilt. Nach dieser Session war ich für den Rest des Tages mit mir selbst sehr unzufrieden und dachte, dass meine ganzen Fortschritte nur eine Täuschung bzw. Selbstbetrug waren.

In unserer nächsten Sitzung erinnerte mich Jared daran, was er mir zu Beginn erzählt hatte, dass Tilt gut ist, da man dadurch zeigt, wie weit man gekommen ist und was man wirklich gelernt hat. Er benutzte die Analogie mit dem 1cm langen Wurm und erklärte damit die Art und Weise, wie Menschen Fortschritte beim lernen machen (Sehen Sie sich das Video an, dort können Sie gut erkennen, wie sich der Wurm bewegt). Wenn die Vorderseite eines 1 cm langen Wurms ihr A-Game ist und das hintere Ende ihr C-Game ist, können Sie erkennen, dass sich der Wurm bei einer kompletten Bewegung, sich zuerst nicht komplett von seinem alten Ausgangspunkt entfernt, er bewegt sich nur geringfügig, sondern belegt immer noch ein wenig von seinem Ausgangsplatz. Das A-Game hat sich also verbessert, aber anstatt das C-Game komplett zu eliminieren, haben Sie einfach einen weiteren Schritt vorwärts in Richtung ihres A-Games gemacht.

Es ist eine großartige Analogie und zeigt sehr eindeutig die Vorteile von kleinen, schrittweisen Veränderungen am Spiel, anstatt zu versuchen das Spiel sofort komplett zu verändern. Wenn jemand auf Tilt geht, kann er erkennen, welche schlechten Angewohnheiten er aus seinem C-Game eliminiert hat und woran er noch arbeiten muss.

Wenn ich nun zurückblicke, kann ich feststellen, dass ich besser gespielt habe als vor einigen Monaten und zwar obwohl ich auf Tilt war. Ich bin mehr Risiken eingegangen, habe des Öfteren kleine Value Bets gemacht (was ich vorher nicht gemacht hatte) und spielte eher aggressiv als passiv. Obwohl ich dachte, dass ich einen Schritt zurück gemacht hätte, zeigte Jared mir, dass ich eigentlich einen großen Schritt nach vorne gemacht habe.

Warum habe ich auf meine Missgeschicke nicht wirklich reagiert? Erstaunlicherweise bedingt dies alles wieder auf der Sache mit der Arbeitsmoral, über welche ich mich mit Jared während den letzten Sitzungen ausführlich unterhalten hatte. Wieder einmal war dies ein Selbstschutzmechanismus, durch welchen ich harte Arbeit und Selbststudium am Ende meiner Sessions vermeiden wollte. Indem ich meine Emotionen unterdrückte, wenn es mal schlecht für mich lief, schaffte ich eine Situation, in welcher es nichts zu lernen gab, in welcher ich keine Veranlassung hatte, mich weiter zu entwickeln – ich gab mir einfach selbst keinen Grund um hart an mir arbeiten zu müssen und dadurch mein Spiel zu verbessern.

Es ist eine erschreckende Vorstellung, dass mein Unterbewusstsein gegen mich arbeitet und mich davon abhält mich als Spieler weiter zu entwickeln (wobei wir vermuten, dass dies aus der Angst geboren wurde, dass mich meine Freunde beurteilen könnten und nicht darauf beruht, dass ich mich selbst hassen würde), ich aber abschließend die Möglichkeit habe dieser Entwicklung durch gezielte Maßnahmen entgegen zu wirken.

Die Betreuung durch den Psychologen verbesserte aber nicht nur meinen Game-Skill, sondern wirkte sich auf alle Bereiche meines Lebens aus. Ich habe auf dieser Basis ähnliche Strategien für mein Zeitmanagement, das Geldmanagement und meine Arbeit als Schriftsteller entwickelt.

Ich denke, da Jared an sich kein Pokerspieler ist, sind seine Ratschläge universell und ich kann auch in anderen Bereichen meines Lebens davon profitieren. Wenn ich jetzt von einem Poker-Psychologen betreut worden wäre, hätte ich die Ergebnisse sicherlich nicht so in meinem restlichen Leben umsetzen können.

Und erneut hatte ich ein gutes Gefühl im Bezug auf mein Game und erkannte letztendlich was für eine vorteilhafte Erfahrung die Sache mit dem Tilt für mich war. Ich hoffe, dass ich das nächste Mal besser auf die Dinge vorbereitet bin, welche auf mich zukommen und dass ich feststellen werde, dass mein C-Game sich meinem A-Game wieder ein wenig genähert hat.

Ich muss jetzt leider einige Wochen mit meinem Tagebuch pausieren, da in den nächsten Wochen das Thema Poker für mich etwas in den Hintergrund treten wird. Schauen Sie doch einfach ab und zu Mal bei PokerNews vorbei, vielleicht kann ich Ihnen ja schon bald über weitere Fortschritte berichten (oder ich berichte darüber, dass ich in meinem örtlichen Casino Hausverbot erhalten habe, weil ich meinen Gegenspieler gewürgt habe, da dieser seinen 3 Outer auf dem River getroffen hat).

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