Ein “gutes Gefühl” bei Poker -- Was bedeutet es?

“Gut Feelings” in Poker -- What Do They Mean?

Man hört oftmals Menschen ihre Entscheidungen damit erklären, dass sie etwas sagen wie, „ich hatte einfach ein Bauchgefühl dabei.“ Das trifft beim Pokern genauso zu wie bei allen anderen Arten von Entscheidungsfindungen zu.
Ich würde ihnen empfehlen, dies nicht nur als rhetorischen Ausdruck zu verstehen, denn das Sprichwort kann man durchaus wörtlicher nehmen, als wir meist annehmen.

Ihr Körper und ihr Geist

Vor circa 15 Jahren bekam ich eine der wichtigsten Lektionen, die ich jemals gehört habe. Ein Arzt der Universität von Minnesota beschrieb deren Untersuchungen, die sie im Zusammenhang mit Essstörungen durchführten.

Der Vagus Nerv ist der zentrale neurale Strang, der das Gehirn und die inneren Organe der Brust und des Unterleibs verbindet und andere Wissenschaftler hatten herausgefunden, dass wenn man einen elektrischen Impuls im Vagus Nerv implantiert, dies bei der Behandlung von Depressionen effektiv war. Das Minnesota Team untersuchte die Theorie, dass Patienten mit Bulimie, die sich dessen nicht bewusst sind, sich durch das Erbrechen ihre Depressionen selbst behandelten – ein Prozess, der intensiv den Vagus Nerv stimulierte und auf diesem Weg auch das Tiefenhirn. Durch Hinzufügen von Nervenstimulation bei diesen Patienten wurde das Erbrechen effektiv verhindert, wahrscheinlich weil es den Effekt der selbst induzierten Nervenstimulation reproduzierte.

Kürzlich erinnerte mich etwas an diese Lektion und führte dazu, dass ich ein wenig nachforschte, was man seitdem dazugelernt hatte. Es stellte sich heraus, dass elektrische Stimulation des Vagus Nervs als eine effektive Behandlungsmethode bei diversen Krankheiten gilt, darunter Depression, Angstzustände, posttraumatische Belastungsstörungen, Magersucht, Fettleibigkeit, Demenz und Schizophrenie.

Aber natürlich funktioniert die neuronale Verbindung in beide Richtungen. Lange bevor Wissenschaftler herausfanden, dass man das Gehirn durch Stimulation des Vagus Nervs beeinflussen kann, war bereits bekannt, dass dieser Nerv dafür verantwortlich ist, dass das Gehirn Dinge wie Herzfrequenz, die Produktion von Magensäure und die Geschwindigkeit der Verdauung bestimmt. In jüngster Vergangenheit wurde ebenfalls überraschenderweise herausgefunden, dass wichtige Teile des Immunsystems durch das Gehirn mit Hilfe des Vagus Nervs reguliert werden. Die ersten Untersuchungen geben Hoffnung darauf, dass durch Stimulation des Vagus Nervs Immunschwächekrankheiten wie Rheumatoide Arthritis, Asthma, Diabetes und entzündliche Darmerkrankungen behandelt werden können.

All das dient mir nun dazu um den Punkt deutlich zu machen, dass der Geist und die inneren Organe weitreichende, komplexe und wichtige neuronale Verbindungen haben, die die Wissenschaft jetzt erst beginnt, genau zu verstehen.

Haben sie jemals einen „Schlag in die Magengrube“ am Pokertisch gespürt?

Kommen wir nun also zu diesem „Bauchgefühl“ zurück. Gibt es das tatsächlich? Ich denke auf jeden Fall. Nicht in dem Sinne, dass der Magen-Darm-Trakt die Entscheidungsfindung übernimmt sondern in dem Sinne, dass es oftmals das tiefste Level des Gehirns widerspiegelt.

Wie sie sicherlich wissen, wenn sie jemals mit einem wilden Tier umgehen mussten, ist die Darmentleerung oftmals deren gebräuchlichste Reaktion auf Stress. Menschen sind da nicht anders, wie viele Soldaten berichten können, die von einem schrecklichen Krieg zurückkehren. Auch weniger beängstigende Situationen wie etwa eine Präsentation vor dem Chef, ein Piano Konzert oder ein erstes Date können Stress für den Magen-Darm-Trakt auslösen. Diese Tatsache manifestiert sich dann oftmals in beschreibenden Ausdrücken wie „herzzerreißend“ oder „den Magen umdrehen“.

Ich für meinen Teil hatte nie solche viszerale Empfindungen beim Poker Spielen. (Dies ist ein besonders treffendes Wort in diesem Zusammenhang – denn viszeral bezeichnet die inneren Organe des Unterleibs.) Aber ich empfinde solche Dinge durchaus in anderen Situationen vor allem wenn es um soziale Zurückweisung und persönliche Verletzungen geht. Für mich fühlen sich diese Dinge tatsächlich so an, wie es das Sprichwort sagt, wie ein Schlag in die Magengrube.

In den ersten Jahren meiner Pokerkarriere war ich mir durchaus des Phänomens bewusst, ab und zu eine Stimme in meinem Kopf zu hören. Diese meldete sich vor allem dann zu Wort, wenn ich das Gefühl hatte, möglicherweise in einer ungünstigen Situation in einer Hand zu sein. Die Stimme sagte lediglich eine Sache, war dabei aber fast beängstigend fordernd: „Steig aus! Steig aus! Steig aus!“ Wie sie sich sicherlich vorstellen können, schmeiße ich weg, wenn dies passiert.

Als ich mehr Pokererfahrung sammelte, verstummte diese Stimme nach und nach. Ich habe sie nun seit Jahren nicht mehr gehört. In der Nachbetrachtung ist es nicht schwer, ein Bild davon zu zeichnen, was passierte. Durch eine Vielzahl von Input, erkannte mein tiefliegendes Gehirn, dass Ärger im Anmarsch war – und erkannte dies scharfsinniger, als mein Bewusstsein es tat. Dies löste Angst aus. Meine innere Stimme war die Verkörperung meiner Angst.

Doch mit mehr Erfahrung wurde ich weniger emotional vom Spiel beeinflusst. Gleichzeitig steigerte ich meine Fähigkeiten zu analysieren, was am Pokertisch passierte, sodass ich die relevanten Informationen bewusster und rationaler bewertete.

Am Anfang hatte ich wohl ein generelles Gespür dafür, ob die Körpersprache eines Gegners Stärke oder Schwäche signalisierte. Mit mehr Erfahrung aber war ich in der Lage, genauere Beobachtungen zu tätigen und diese mit einer mentalen Datenbank über deren mögliche Bedeutung abzugleichen – Dinge wie, ob die Hand des Gegners wegen Stärke und Vorfreude auf Gewinn zittert. Oder, wenn sich Spieler bewusst aggressiv nach vorne beugen und mit Nachdruck ihre Chips in den Pot setzen, was die gespielte Tapferkeit ihres Bluffs entlarvte.

Dadurch war ich besser in der Lage, zu einer rationalen Entscheidung zu gelangen und ich war weniger auf unterbewusste und emotionale Prozesse angewiesen. Dadurch gab es weniger Gelegenheiten für Angst und die Stimme, die mich warnen musste.

Fühlen sie sich ängstlich in einer Hand? Sie sollten sich so fühlen

In der Nachbetrachtung empfinde ich es irgendwie überraschend, dass ich kein Zusammenziehen meines Magens in diesen Spots gespürt habe. Es ist ein absolut natürlicher und geläufiger Prozess, dass Menschen Angst empfinden – und Angst ist eine absolut natürliche und verbreitete Emotion am Pokertisch.

Denken sie nur daran, wie oft sie Spieler nach einer Hand Dinge sagen hören wie, „Ich war besorgt, dass du bezahlen würdest“, „Ich hatte Angst, dass er den Flush hat“, oder „Ich war besorgt, dass jemand die höhere Straße hält.“ Mit all diesen Sorgen und Ängsten, die sich abspielen, gibt es sicherlich eine Vielzahl an Schlägen in die Magengrube und magenumdrehenden Situationen.

Was ist also die Lektion aus all dem? Machen sie sich bewusst, dass ihre inneren Organe tatsächlich stark verbunden sind in einer konstanten Zwei-Wege Kommunikation mit ihrem Gehirn auf einer unterbewussten Ebene. Wenn sie es nicht sowieso schon tun, wäre es sicherlich zu ihrem Vorteil, auf ihre Empfindungen in der Brust und dem Unterleib zu achten, wenn sie mit einer schwierigen Pokerentscheidung konfrontiert sind.

Noch einmal, dies liegt nicht daran, dass die Innereien selbst das Denken übernehmen, sondern dass sie ein sensibler Gradmesser für Prozesse des Gehirns sind, auf die sie möglicherweise nicht direkt zugreifen können. Die unterbewussten Prozesse ihres Gehirns nehmen womöglich etwas war und reagieren auf zentrale Teile von Informationen, die sie nicht direkt wahrgenommen haben und die einzige Möglichkeit, wie sie zu einer Schlussfolgerung kommen können, ist auf ihr Bauchgefühl zu hören – im wahrsten Sinne des Wortes.

Ein letzter Gedanke…
Ich glaube, dass die Körper-Geist Verbindung, die hier beschrieben wurde, wichtig genug ist, dass wir uns alle zusammentun und eine Petition an die Machthaber im Feld der anatomischen Wissenschaft schreiben sollten, dass der Vagus Nerv in Vegas Nerv umbenannt wird.

Robert Woolley lebt in Asheville, NC. Er verbrachte viele Jahre in Las Vegas und berichtet über sein Poker Leben im “Poker Grump” Blog.

Sie finden de.PokerNews auch auf Twitter und Facebook.

Name Surname
Robert Woolley

MEHR ARTIKEL

Weitere Artikel