Die Gefahr seinen Poker Gegner zu unterschätzen

Getting Lost in Hold'em: The Danger of Underestimating an Opponent

Beim Pokern kann es ein verheerender Fehler sein, seine weniger einschüchternden Gegner zu unterschätzen. Ganz gleich, für wie geschickt Sie sich halten (oder wie geschickt Sie womöglich sind): Alle anderen bekommen Asse genauso oft ausgeteilt wie Sie.

Aus diesem Grund ist die Edge, die Sie sich erarbeiten können, begrenzt. Ab einem Punkt x werden Sie außerstande sein, Ihre Edge weiter zu erhöhen. Ihre Gegner werden manchmal die bessere Hand haben – und Sie müssen geschickt durch das Minenfeld navigieren, indem Sie große Folds hinlegen oder die Größe des Pots kontrollieren, sobald Sie hinten sind.

Die folgende Hand zeigt einen Pot, in dem ein vermutlich geschickter Spieler mehr gehofft hat statt gute Entscheidungen zu treffen – und das ausgerechnet gegen einen Kontrahenten, der seine Hand weit weniger gut gespielt hat.

Preflop isoliert, Feuerwerk auf dem Flop

Gespielt wird 100NL im 6-max-Format, online, die Blinds liegen also bei $0,50/$1. Der „schlechte“ Spieler hat 300 Big Blinds vor sich stehen und erhöht in mittlerer Position auf $2. Im Small Blind sitzt ein erfahrener Regular mit $550 – er 3-bettet auf $12. Es folgt ein Call. Der Flop wird aufgedeckt: {4-Diamonds}{4-Clubs}{3-Diamonds}.

Vielleicht aus Gewohnheit platziert der erfahrene Regular eine kleine Bet von nur $6. Das wird ihm mit einem Raise auf $21 gedankt.

Selbstredend könnte eine Continuation-Bet von einem Viertel Pot, die ohne Position auf einem derart trockenen Pot erfolgt, oft als Bluff geraist werden. Hobby-Spieler machen sich einen Spaß daraus, schwache Betsizes anzugreifen. Anscheinend glaubt der Small Blind, mit Sicherheit einen Range-Vorteil zu haben. Und das wohl auch zurecht – auf jeden Fall reagiert er mit einem Reraise auf $50. Sein Gegner callt.

Wenn sich der erfahrene Spieler in dieser Situation aufs Hand-Reading konzentriert hätte, wäre ihm nach diesem Call folgendes aufgefallen. Es ist unwahrscheinlich, dass der Spieler in Position einen ausgefeilten Bluff plant und das Flop-Reraise dazu bloß callt. Hätte er eine Hand, die bluffen müsste – etwa A-T offsuit oder 7-6 –, würde er fast immer auf dem Flop 4-betten oder folden.

Hand-Reading für Anfänger

Den {10-Clubs} Turn bedenken beide Spieler mit einem Check. Am {k-Hearts} River befinden sich etwa $125 im Pot. Das Board sieht jetzt wie folgt aus: {4-Diamonds}{4-Clubs}{3-Diamonds}{10-Clubs}{k-Hearts}.

Der Flushdraw ist nie angekommen, die Straightdraws sind ebenfalls verfehlt worden. Unser „geschickter“ Spieler feuert eine Blocker-Bet ab: $40. Das ist Value, ganz klar.

Widmen wir uns erneut dem Hand-Reading. Der „schwächere“ Hobby-Spieler hat den Turn gecheckt – obwohl er hätte betten können, hat er davon abgesehen. Das bedeutet, dass er am Flop keinen zweiten Bluff-Versuch unternommen hat (falls das erste Raise ein Bluff gewesen sein sollte), aber auch nicht folden wollte. Am Turn angekommen wollte er wieder nicht bluffen.

Es ist schwierig, für diesen Spieler Bluffs zu finden. Was uns zum nächsten Teil der Hand führt: Der Hobby-Spieler geht am River für weitere $200 All-In.

Warum sollte er nicht 3-3, {4-Spades}{3-Spades}, {4-Hearts}{3-Hearts}, T-T oder gar A-4 haben? Auf dem Flop entschied er sich für ein Raise, um mehr Geld in den Pot zu bekommen; er bekam die Action, die er wollte; er callte bloß, um den Gegner nicht zu vertreiben; am River schnappte die Falle zu und ihm wurden weitere $40 spendiert. Umgekehrt ist die Wahrscheinlichkeit, dass er blufft – wie ausgeführt – verschwindend gering.

Trotzdem macht der erfahrene Spieler mit {j-Hearts}{10-Hearts} den Call – mit einer Zehn, die seiner Meinung nach genug Value hat, um am River zu betten. Vielleicht dachte er, gegen Pocket-Achter oder ein Paar Neuner die beste Hand getroffen zu haben.

Das sollte allerdings keine Rolle spielen, sobald sein Gegner am River $240 in den Pot wirft. Sein Gegner zeigt ihm {k-Clubs}{k-Spades} und entscheidet den Pot für sich.

Falsch gedacht

Überlegen wir uns, wo der „geschickte“ Spieler gedanklich falsch abgebogen sein könnte.

Sich zu sagen, dass man Pocket-Zehner blockt, ist keine ausreichende Entschuldigung, um den Call gegen einen Hobby-Spieler zu rechtfertigen. Der Call stinkt nach Hoffnung. Das Flop-Reraise war bereits optimistisch, aber weniger kostspielig als der Fehler am River. Klar könnten wir mit der River-Bet Thin Value erhalten. Ob in einem 3-Bet-Pot eine Bet mit zweitem Paar ohne Kicker gut ist, nachdem es am Flop mit Bet-Raise-Reraise-Call zur Sache gegangen war? Der Profi wird sich was gedacht haben!

Alle Hoffnung sollte er jedoch fahren lassen, sobald er sich dem River-Shove ausgesetzt sieht.

Der erfahrene Regular könnte auf die Hand zurückblicken und sich sagen: „Ich verliere nur gegen K-K und diese Hand würde vor dem Flop 4-betten.“ Er hatte den vermeintlichen „Range-Vorteil“.

Wer so denkt, sollte die rosarote Brille ganz schnell wieder absetzen. Was zählt, ist einzig die Tatsache, dass der Spieler in Position nie so bluffen würde. Am Flop hat er keinen Reraise-Bluff gespielt; am Turn hat er eine Chance zu bluffen ausgelassen; am River hat er kein kleineres Bluff-Raise in Erwägung gezogen.

Warum hätte er mit einem Bluff zum Beispiel nicht auf $130 erhöhen können? Hobby-Spieler schrecken oft davor zurück, groß zu bluffen, selbst wenn sie den Mut aufbringen, am River ein Bluff-Raise auszupacken.

Am Ende des Tages hatte unser Hero-Caller (der immerhin einen Stack von $550 angehäuft hatte) wohl einfach das Gefühl, unbesiegbar zu sein. Dass er die Hand unter Kontrolle hat, ganz gleich, was passiert. Wahrscheinlich war er gerade am Gewinnen und nahm an, gut zu spielen. Vielleicht hat er während der Hand auch vergessen, was am Flop genau passiert ist und welche Konsequenzen dies für die Ranges am River hat.

Selbstbewusstsein und Skepsis sind manchmal keine gute Kombination beim No-Limit Hold’em. Vor allem, wenn in einem Spot nur eines gefragt ist: Nüchterne Logik.

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