Chris Moorman: Spielen, um zu gewinnen, egal an welchen Stakes

Chris Moorman

In der Pokerwelt ist häufig von „Shots“ die Rede – wer einen „Shot“ riskiert, spielt auf Stakes, für die die Bankroll eigentlich nicht ausreicht. Um trotzdem ein Bankroll-Mangement zu wahren, setzt sich der Spieler feste Limits, wie lange er auf den Stakes ausharren will, bevor es wieder abwärts geht.

Apropos „abwärts“: Kommen wir doch auf das Gegenteil zu sprechen – wenn wir also Stakes spielen, die unter unserem eigentlichen Limit liegen. Sollten wir unsere Spielweise dann anpassen und wenn ja, inwiefern?

Stellen Sie sich folgende Situation vor:

Ein Spieler loggt sich auf seiner Lieblings-Online-Poker-Seite ein. Er will eine kurze Session spielen. Normalerweise spielt er NL50, manchmal auch NL100. Im Laufe der Monate hat er ein Gefühl für diese Stakes entwickelt. Ihm sind andere reguläre Spieler aufgefallen, die oft an den Tischen zu finden sind, und inzwischen weiß er, wie sie in vielen Situationen spielen.

Heute sind jedoch alle Tische besetzt, also setzt sich unser Beispiel-Spieler an die NL10-Tische, um die Wartezeit zu überbrücken. Nach ein paar Orbits hat er noch keine Hand gewinnen können – an einem Tisch wacht er im Small Blind allerdings mit {9-Clubs}{9-Diamonds} auf. Endlich, das erste Pocket-Pair! Vor ihm openraist ein Spieler 3x auf $0,30 – ein klarer Steal, wie er findet – und er entscheidet sich für eine 3-Bet auf $1.

Der Big Blind reagiert prompt mit einem Reraise auf $4. Danach geht der Button All-in. Na gut, vielleicht war es doch kein Steal.

Im Normalfall hätte er kein Problem, Neuner in einer solchen Situation zu folden, da einer seiner Gegner wahrscheinlich eine bessere Hand hat. Die Tatsache, dass er nur $9 bezahlen muss, überzeugt ihn aber davon, den Shove zu callen. Links bekommt er Ass-König zu sehen, rechts von ihm werden Pocket-Damen aufgedeckt. Wie zu erwarten war, verbessert sich seine Hand nicht und die Session beginnt gleich mit einem negativen Dämpfer.

Ohne uns mit den Einzelheiten aufzuhalten, ist das Phänomen an sich etwas, was die meisten von uns schon einmal erlebt haben. Es ist egal, welche Stakes wir spielen – wenn wir unter unseren Lieblings-Limits spielen, neigen wir dazu, unseren Skill ein wenig (oder etwas stärker) schleifen zu lassen.

Wir haben Schwierigkeiten, auf den niedrigen Stakes die gleiche Konzentration an den Tag zu legen. Infolgedessen wirkt sich die fehlende Aufmerksamkeit negativ auf die Entscheidungsfindung aus. Vielleicht haben wir auch Vorurteile, was die Spieler auf den niedrigen Stakes betrifft – wir unterschätzen ihre Fähigkeiten zum Nachteil von uns selbst. Und das, obwohl wir wissen, dass die Stakes nicht immer direkt auf das Spielvermögen schließen lassen.

Auch wenn es Sinn ergibt, die Spielweise gegen unterschiedliche Gegner anzupassen, ist es grundsätzlich ein Fehler, viel looser oder gar rücksichtslos zu spielen, nur weil die Pots nicht so groß sind wie gewohnt. Damit berauben Sie sich Ihrer Gewinnchancen und Sie werden sich als Spieler nicht verbessern, wenn Sie gedankenlos und blind irgendwelche Buttons klicken, nur weil es „egal“ ist, ob Sie gewinnen oder verlieren. Obendrein bauen Sie so schlechte Gewohnheiten auf.

888poker-Repräsentant Chris Moorman ist der erfolgreichste Online-Spieler aller Zeiten, was die Summe der Turniergewinne anbelangt. Sarah Herring hat diese Woche mit ihm über das Thema in unserem Beitrag gesprochen.

Moorman stellt fest, dass er alle Events – seien es High-Roller oder Charity-Turniere mit einem kleinen Buy-in – mit einem ähnlichen Mindset angeht, das von seiner kompetitiven Ader und dem Drang, gewinnen zu wollen, angetrieben wird:

In die gleiche Richtung geht eine Textstelle aus Jesse Mays 1998 erschienenen Poker-Roman Shut Up and Deal, die wir dem Erzähler und Protagonisten Mickey Dane zu verdanken haben.

Die Stelle taucht relativ früh im Buch auf, als Mickey ein „Big Game“ im High-Limit-Bereich des alten Taj Mahal-Pokerraums spielt. Ein faszinierter Railbird stellt Mickey Fragen über das Spiel, etwa, wie viel die Chips wert sind.

Mickey antwortet eine Zeit lang höflich, in der Hoffnung, dass der Kerl schnell von dannen zieht, aber der Mann bleibt hartnäckig. „Ich würde nur eine Sache gerne wissen“, fragt er Mickey. „Was ist Ihrer Meinung nach der größte Unterschied zwischen 100-200 und 10-20?“

Mickey kennt darauf nur eine Antwort. „Das Limit – es ist ein anderes Limit“, sagt er. Der Mann denkt, dass Mickey einen Scherz machen wollte.

„Nein, ich meine das ernst, was ist der Hauptunterschied dieser Spiele?“, fragt er erneut.

„Die Chips haben einen anderen Wert – diese Chips sind mehr Geld wert“, antwortet Mickey. „Wenn wir 10-20 spielen, würden wir rote Chips benutzen, tun wir aber nicht.“

Die Antwort erntet am Tisch einen Lacher, aber wie Mickey erklärt, ist seine Aussage nicht als Witz gemeint. Er ist bloß ehrlich. Wie Mickey im Laufe der Geschichte unter Beweis stellt, ist es natürlich leichter gesagt als getan, sich von den Stakes nicht negativ beeinflussen zu lassen. Der Spielansatz und die Strategie können darunter leiden.

Wenn die Pots größer sind als normalerweise, ist es schwierig, sich von den größeren Stakes nicht in der Spielweise beeinflussen zu lassen. Aber wenn die Pots kleiner sind, neigen nicht wenige Spieler dazu, weniger über ihre Entscheidungen nachzudenken und Ausreden zu finden, um schlechte Entscheidungen zu begründen. Und im schlimmsten Fall merkt der Spieler das nicht einmal selbst.

Ideal ist es, immer mit dem gleichen Ansatz zu spielen – mit dem Willen, zu gewinnen – und die Höhe der Stakes zu ignorieren.

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