Call oder Fold? Ein Dilemma verursacht durch eine zu geringe Hände-Anzahl

Call or Fold? A Dilemma Caused by Small Sample Size

Letzte Woche spielte ich eine Hand, die bei oberflächlicher Betrachtung so unbedeutend und trivial erscheint aber dennoch eine wichtige Wahrheit beinhaltet.

Ich war im Harrah’s Cherokee an einem der PokerPro Tische und spielte $1/$2 No-Limit Hold’em. In mittlerer Position bekam ich {a-Diamonds}{k-Diamonds} und erhöhte auf $8. Ein Spieler drei Plätze nach mir reraiste dann auf $25, während er noch circa $75 dahinter hatte.

Mein Stack war etwas über $200. Als ich wieder an der Reihe war, ging ich All-in. Er bezahlte und zeigte {a-Hearts}{9-Spades}. Das Board brachte ihm keine Hilfe und ich gewann den Pot.

Meine beiden Entscheidungen werden wohl keinen Leser überraschen. Die meines Gegners aber könnten zu einigem verdutzen Stirnrunzeln führen – und genau darin liegt die Geschichte und die Lektion.

Die wichtigste Information, die ich aus dieser Hand zog, bezieht sich auf das, was der Spieler angewidert in die Runde sagte, nachdem er meine Karten sah und der Computer die Hand für uns fertig spielte:

„Er raist vier von sechs Händen also weiß ich, dass er nur stehlen will und ich erwische ihn gerade dann, wenn er das einzige Mal eine Hand hält.“

Acht Spieler, darunter auch ich, hatten den Tisch als neues Spiel vor circa 30 Minuten gestartet. Aber dieser Kollege – nennen wir ihn einfach „Spätkommer“ – war erst sechs Hände vor unserer Konfrontation zu uns gestoßen. Er hatte vollkommen recht mit den sechs Händen, die er gesehen hatte. Unglücklicherweise für ihn stellt dies jedoch nur eine sehr kleine und verfälschte Stichprobe dar.

In den ersten 30 Minuten war ich komplett Karten tot. Wenn ich mich recht erinnere, hatte ich nur ein Mal ein Open Raise gespielt und das war in der allerersten Hand mit {a-}{q-}. Danach kam nichts mehr.

Doch direkt nachdem unser Spätkommer sich hingesetzt hatte, hatte ich einen Mini-Rush von guten Karten. Zuerst erhöhte ich mit Suited Connectors in der Annahme, dass ich Respekt für eine bessere Hand bekommen würde, da ich so inaktiv gewesen bin. Danach kamen Pocket Neuner, dann {q-}{q-} und schließlich {a-Diamonds}{k-Diamonds}, das die Geduld des Spätkommers zu einem abrupten Ende brachte. Insgesamt waren das vier gerechtfertigte Raising Situationen in der Spanne von sechs Händen.

Ich bin mir sicher, dass niemand anderes am Tisch {a-Hearts}{9-Spades} so wie der Spätkommer gespielt hätte weil sie alle wichtige Informationen hatten, die ihm fehlten – vor allem ein besserer Read auf meine gesamte Preflop Raising Frequenz.

Wenn Sie sehen, dass ein Spieler für eine halbe Stunde alle Hände foldet und dann vier von sechs erhöht, würden sie sicherlich annehmen, dass er endlich ein paar gute Hände gefunden hat. Wenn aber diese sechs Hände die ersten sind, die sie sehen, nachdem sie am Spiel teilgenommen haben, bekommen sie einen völlig anderen Eindruck – dieser Spieler ist ein Maniac.

Tatsächlich würde ich nicht einfach so All-in gehen gegen einen unbekannten $1/$2 Spieler mit Ace-King. Das liegt daran, dass die 3-Bet-Range des Durchschnittsspielers in diesen Games stark Richtung mittlere und große Pocket Pairs tendiert und ich nicht gerade scharf darauf bin, mich auf einen Münzwurf um bedeutende Summen einzulassen, wenn ich dies vermeiden kann.

Aber diese Einschätzung war hier gerechtfertigt, zum einen aufgrund seiner relativ geringen Stacksize. Wenn ich nur bezahlt hätte, hätten wir einen $50 Pot gehabt und ich wäre wahrscheinlich verleitet worden, auf jedem Flop sein $75 All-in zu bezahlen. Wenn dies der Fall ist, sollte ich das Geld womöglich einfach als Aggressor rein bekommen.

Die aber weitaus wichtigere Überlegung war, dass ich mir absolut darüber im Klaren war, welches Bild er wahrscheinlich von mir gehabt hat. Ich hatte mir eine gedankliche Notiz gemacht, als er sich an den Tisch setzte. Als er reraiste, wurde mir klar, dass er die gesamte Häufung meiner Erhöhungen in kürzester Zeit gesehen hatte und ich wusste, dass er wahrscheinlich schlussfolgerte, dass ich völlig neben der Spur war. Das bedeutet, dass seine 3-Bet-Range viel weitreichender als gewöhnlich war und ein suited {a-}{k-} hatte exzellente Equity dagegen.

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Ich entschloss mich dazu, meine Entscheidung so schnell als möglich zu machen...

Während ich darauf wartete, dass die Action zurück zu mir kam, entschied ich mich dazu, nicht mal ein paar Sekunden zu zögern sondern meinen Spielzug so schnell wie möglich durchzuführen. Der Grund war, dass ich ihm noch einen Grund mehr zum Callen geben wollte. Ich dachte, wenn ich mir mehr Zeit zum Nachdenken gebe bevor ich All-in gehe, könnte es eventuell nach diesem gespielten „was soll ich tun?“ Zögern aussehen, das bei diesen Low-Stakes Games an der Tagesordnung ist, wenn Spieler Aces oder Kings halten.

Auf der anderen Seite könnte ein schnelles All-in für ihn auch eher nach einem Bully ohne Hand aussehen, der ihn nur dazu bringen will, wegzuschmeißen. Ich kann nicht wissen, ob das irgendeinen Unterschied gemacht hat oder ob er sich schon vorher dazu entschieden hatte, mit {a-Hearts}{9-Spades} um alles zu spielen egal was ich tat, aber ich denke es war ein guter Ansatz, sein Bild von mir zu bestätigen.

Eine Teil der hierdurch zu lernenden Lektion ist es, dass sie sich nicht nur ihres allgemeinen Images am gesamten Tisch bewusst sein müssen, sondern auch darüber, was jeder einzelne Spieler von ihrem Spiel gesehen hat. Die Spieler, die mit ihnen für eine lange Zeit gespielt haben, werden einen anderen Eindruck von ihnen haben, als diejenigen, die sich gerade erst hingesetzt haben. Diejenigen, die sehr aufmerksam sind, werden einen anderen Eindruck von ihnen haben, als die, die mit dem Fußball Spiel im Fernsehen beschäftigt sind. Bessere Spieler werden vermutlich einen besseren Read auf ihren Spielstil haben, als Neulinge und so weiter.

Erfolgreiches Poker erfordert immer, dass sie sich selbst durch die Augen ihres Gegners sehen – und nicht nur durch die eines allgemeinen Gegners, sondern durch die des spezifischen Gegners, der gerade gegen sie eine Hand spielt.

Der andere Teil der Lektion dreht sich darum, was der Spätkommer eventuell hätte anders machen können. Dabei fallen mir zwei Dinge ein.

Als erstes hätte er darüber nachdenken können, warum ich alle drei meiner vorherigen Preflop Raises bereits vor dem Flop oder nach einer Continuation Bet gewonnen habe. An einem Full Ring Tisch würde ein richtiger Maniac oder Bully, der mehr als die Hälfte der Zeit raist, wesentlich öfter auf Gegenwind stoßen, als in meinem Fall – weitaus mehr „ich glaube dir nicht“ Calls bekommen als in dieser Serie von Händen. Mit anderen Worten, er hätte denken sollen „vielleicht wissen diese anderen Spieler etwas, das ich nicht weiß.“

Zweitens hätte er einfach warten können. Ja, {a-Hearts}{9-Spades} ist ziemlich gut gegen die Raising Range eines richtigen Tisch Tyrannen. Wenn er als Shortstack in einem Turnier gewesen wäre, bei gleichem Informationsstand, wäre es wahrscheinlich der richtige Move gewesen. Aber es gab keinen Grund für ihn zur Eile. Hätte er einfach sechs Hände gewartet, hätte dies seine Beobachtungen über mein Spiel verdoppelt – und es hätte dazu geführt, dass er seinen ersten Eindruck von mir überdenkt wenn er sieht, dass ich alle Hände folde.

Es ist wahr, dass man beim Poker immer versuchen sollte, jegliche Schlussfolgerungen aus allen noch so kleinen Informationen zu ziehen. Doch dieser löbliche Ansatz muss immer im Einklang stehen mit der Erkenntnis, dass der Eindruck eines Gegners extrem verfälscht sein kann, wenn man nur auf eine kleine Samplesize an Beobachtungen zurückgreifen kann.

Foto (PokerPro table) via PokerPro.

Robert Woolley lebt in Asheville, NC. Er verbrachte viele Jahre in Las Vegas und berichtet über sein Poker Leben im “Poker Grump” Blog.

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Robert Woolley

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