Betrügen Sie sich selbst beim Pokerspielen?

When You Play Poker, Are You Cheating... Yourself?

Im Laufe der Zeit sind einige Artikel über Betrug in der Pokerwelt veröffentlicht worden. Ich weiß das, weil ich ein paar davon selbst geschrieben habe. Bis jetzt gab es allerdings keinen Artikel, der das, was ich als schwerwiegendsten und schädlichsten Betrug erkannt habe, beim Namen nennt. Den Betrug an sich selbst … den Selbstbetrug.

Nun gut … bevor Sie sich dazu gezwungen sehen, laut zu verkünden, dass Sie noch nie betrogen haben, lassen Sie mich zuallererst erklären, was ich überhaupt meine. Sie haben sich vielleicht sogar dann selbst betrogen, wenn Sie eifrig an Ihrer Strategie tüfteln und Ihr Spiel verbessert haben. Wie kann das sein?

Unter der Annahme, dass Sie kein Vollzeit-Pokerspieler sind, der seinen Lebensunterhalt an den Tischen zu verdienen versucht, würde ich behaupten, dass Poker etwas ist, dass Ihr Leben bereichern soll. Es bereitet Ihnen Vergnügen. Bis zu einem gewissen Grad rührt das Vergnügen daher, Geld von Ihren Gegnern zu gewinnen.

Daraus folgt: Je mehr Geld Sie gewinnen, desto mehr Spaß haben Sie auch am Spiel. Wollen wir so viel Spaß wie möglich am Pokern haben, sollten wir also alles tun, was zu tun ist, um den Profit in die Höhe zu treiben. Sollte man jedenfalls meinen.

Tatsächlich steht diese Annahme auf tönernen Füßen. Das Problem ist folgendes: Nicht alles, was Sie am Pokertisch tun müssen, um Ihren Profit zu steigern, kommt dem Spielspaß zugute. Manches, was Ihren Profit steigert, wird zur Folge haben, dass Sie weniger Gefallen am Spielen finden werden.

Das meine ich, wenn ich von Selbstbetrug beim Pokern spreche. Im Interesse des Profits geben Sie das Vergnügen auf – und auf diese Weise berauben Sie sich des Spaßes, den Sie haben könnten.

Lassen Sie sich auf folgendes Gedankenexperiment ein. Angenommen, ein schräger, reicher Vogel ist bereit, Ihnen ein Gehalt zu zahlen, wenn Sie den lieben langen Tag Poker an einem Computer spielen. Er würde eine Unterkunft bereitstellen; vielleicht würde er Ihnen sogar erlauben, Ihre Lieblings-Songs zu hören. Allerdings müssten Sie den ganzen Tag in diesem Raum bleiben, außer natürlich, Sie müssen auf die Toilette oder Essen zu sich nehmen. Die ganze restliche Zeit würden Sie aber vor einem Bildschirm verbringen und Poker spielen.

Wie viel müsste man Ihnen zahlen, damit Sie einwilligen? $10 die Stunde? $20? $50? $100?

Ich würde es nicht für weniger als $4.000 die Stunde machen. Jeder darunterliegende Betrag ist die Sache nicht wert für mich. Natürlich ist bei dieser Frage jeder anders gepolt. Ich würde aber wetten, dass die meisten Menschen einen höheren Stundenlohn als $20 veranschlagen würden.

Jetzt schauen Sie sich an, wie Sie Poker in einem Casino spielen; wie Sie laut vieler Poker-Coaches spielen sollten, wenn Sie es ernst meinen. Spielen Sie das Gedankenexperiment nicht ansatzweise nach?

Viele tragen Kopfhörer und Sonnenbrillen, vielleicht sogar einen Kapuzenpullover, um die Augen und einen Großteil des Gesichts zu verdecken – die Hoffnung: Keine Tells abzugeben.

Zudem sollen Sie das Gesicht regungslos verharren lassen, der Körper soll untätig sein – wieder, um keine Tells zu zeigen. Sie wollen nicht mit anderen sprechen, um nicht angesprochen zu werden. Und Sie wollen wie ein Roboter zu Werke gehen. Damit Ihre Gegner ja keine Schlüsse aus Ihrer Gestik, Körpersprache oder Bewegungen ziehen können. Die wahre Stärke Ihrer Hand soll verborgen bleiben.

Vielleicht ist das extrem gedacht. Aber wie viele Menschen schlüpfen beim Pokern in eine Rolle, die kein Interesse daran hat, andere zu fesseln; mit ihnen in Kontakt zu treten? Wie viele verhalten sich absichtlich ungesellig oder gar provokativ – bloß, um sich einen Vorteil am Tisch zu sichern?

Ich sage Ihnen, dass ich viel zu viele Leute beobachtet habe, die anscheinend keinen Spaß am Spielen haben. Sie sind übermäßig ernst, wirken traurig, aufgewühlt oder irgendwie gestresst. Ich denke an all den Spaß, dessen sie sich berauben, weil sie die menschliche Palette der Emotionen derart eingeschränkt haben.

Poker kann einen Heidenspaß machen. Die mentale Herausforderung, das Risiko, die Unsicherheit während einer Hand, die Möglichkeit, auf unterschiedliche Charaktere zu treffen. Klar macht das Gewinnen mehr Spaß als zu verlieren; und das Gewinnen verlangt einem Arbeit ab, es erfordert Konzentration. Es kann nicht immer Spiel und Spaß geben.

Aber ich frage Sie, und seien Sie ehrlich zu sich selbst: Haben Sie Spaß … oder haben Sie sich im Gedankenexperiment verfangen?

Ashley Adams spielt seit 50 Jahren Poker und schreibt seit 2000 darüber. Er ist der Autor hunderter Artikel und zweier Bücher: Winning 7-Card Stud (Kensington-Verlag, 2003) und Winning No-Limit Hold’em (Lighthouse-Verlag, 2012). Darüber hinaus moderiert er die Poker-Radiosendung House of Cards. Erfahren Sie auf www.houseofcardsradio.com mehr über die Ausstrahlungstermine, die Sender und Podcasts.

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