Wenn Poker zur Qual wird - Shaun Deeb und Burnout

shaun deeb

Gerne wird professionelles Pokerspiel flockig leicht, mit vielen Parties und aufregenden Reisen dargestellt. Die Realität, die sich dahinter verbirgt, ist meist knochentrocken. Wer hier kein Sitzfleisch, Disziplin und Durchhaltevermögen mitbringt, wird es nicht in die Top-Liga schaffen. Und auch die, die es geschafft haben, müssen stets um ihre Erfolge kämpfen. Dass das auch an die Substanz gehen kann ist hinlänglich bekannt – jüngstes Beispiel Shaun Deeb. Das MTT-„Wunderkind“ hat letzte Woche seinen Rücktritt aus der bunten MTT-Welt bekanntgeben und will ein wenig kürzer treten. Das hat eine ambivalente Diskussion auf zahlreichen Foren ausgelöst. Eine Bestands-Analyse…

15. November im „TwoPlusTwo“ Pokerforum, Shaun Deeb ist noch guter Dinge und postet im „Tournament Leader Board“ Thread, will im Dezember wieder MTTs auf PokerStars spielen. Nur vier Tage später seine Abschieds-Meldung: „ Ich bin total ausgebrannt, ich hasse sie (hier sind MTTs gemeint), ich bin fertig mit ihnen. Ich kann live nicht gewinnen, alle hatten sie Recht, ich kann auch online nicht gewinnen, es ist einfach nur gut gelaufen, auch da hatten alle Recht. Ich werde den Rest des Jahres eine Pause machen und etwas anderes machen, Poker war für eine Weile ok, aber verdammt noch mal, ich hasse was aus mir geworden ist.“ Eine Schocknachricht für viele Fans…

Die einen wollen es nicht glauben, tippen auf ein Fake, die anderen sind geschockt über das hohe Frustrationspotential in Shaun Deebs Meldung, wieder andere vermuten eine handfeste Depression hinter der Meldung. Nur einen Tag später relativiert Shaun Deeb seine Aussage ein wenig: „Leute, ich höre nicht auf Poker zu spielen, ich spiele nur keine Turniere mehr. Ich weiß ich hab viele von euch da mit reingezogen und motiviert, aber ich hab all meine Motivation verloren und ich glaube nicht, dass sie so bald wiederkommen wird. Es gibt nur wenig, das ich MTTs in Zukunft abgewinnen kann.“ Das heißt also Shaun wird sich wenn, dann Cash Games widmen…

Diese Meldungen haben eine Grundsatzdiskussion in diversen Foren ausgelöst – über die Belastungsfähigkeit von Pokerspieler/innen und welchen Energie-Aufwand professionelles Spielen bedeutet. Auch über Depressionen im Allgemeinen wurde diskutiert und dass besonders Menschen, die Spitzenleistungen erbringen (müssen), oder als „Genies“ oder „besonders talentiert“ gehandelt werden gefährdet sind.

Dass diese Entscheidung von Shaun überraschend getroffen wurde zeigt ein Podcast Interview vom 22. Juni, in dem er mit Bart Hanson über Pro und Kontras von Turnieren bzw. Cash-Games diskutiert. Damals vertrat Shaun noch die felsenfeste Meinung, dass Cash Games nicht nur doof seien, sondern nach ein paar Stunden wirklich langweilig.

Der nur 23 Jahre junge Shaun, war in den Jahren 2006 bis heute einer der aktivsten Online-Turnier Spieler, er soll mehr als $ 4 Millionen gewonnen haben. Dass er höchst erfolgreich ist zeigt sein Ranking im TLB von PokerStars: 2006 war er Dritter, 2007 und 2008 belegte er den ersten Platz, dieses Jahr war er auf Platz 10 gereiht. Daneben hat er auch bei Full Tilt erfolgreich gespielt.

Die Strategie viele Turniere gleichzeitig zu spielen hat sich finanziell für den US-Amerikaner bezahlt gemacht, dass er dabei ständig sein Energie-Level überschritten hat, ist bei seinem Pensum kaum verwunderlich. Bis zu 20 Tische hat er zeitgleich zu Spitzenzeiten gespielt, sein Rekord waren einmal sogar 35 Tische/Turniere zur selben Zeit. Manchmal waren es nur wenige Stunden, die er gespielt hat, aber dann gab es auch immer häufiger 30 Stunden Sessions. Prinzipiell waren an die 12 Stunden pro Tag für Poker „reserviert“.

Gelernt hat er das Spiel im Gespräch mit Poker Profis, die er über seine Anfänge bei Party Poker kennen gelernt hatte. Dort hatte er begonnen zu spielen und war fast zwei Jahre nur dort zu finden.

Nachträglich betrachtet weiß er, dass er damals grauenhaft gespielt hatte, sein Bankroll-Management war eine Katastrophe, aber durch viele Tipps und Gespräche konnte er sich mit der Zeit stetig verbessern. Immer wieder kritisiert Shaun seine Emotionalität, die ihn beim Pokern behindert, wahrscheinlich mit ein Grund warum er im Live-Game nie an seine Online-Erfolge anschließen konnte.

Vielleicht nutzt er seine Auszeit um seinem Traum nachzukommen – ein eigenes Business aufzuziehen und davon so gut leben zu können, das noch genug Zeit für Poker bleibt und er zu den großen Live-Turnieren rund um den Globus reisen kann. Die Poker Community würde es ihm wünschen…

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