Die Welt wächst zusammen: Poker und Twitter

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“Was ist Twitter?” fragte ein Freund.

“Twitter? Twitter ist Zeitverschwendung” sagte ich.

Ich erklärte, daß Twitter ein Vergnügen ist, welches mir Gewissenbisse verursacht und zu den Dingen in meinem Leben gehört, welche ich gleichzeitig liebe und hasse. Wenn man Twitter richtig verwendet, kann man damit eine Nachricht sehr schnell an ein Netwerk von “Followers” verteilen. Einige der Nachrichten beeinflussen vielleicht das Leben der Leute positiv. Das Time Magazin beschreibt Twitter als “eine Erfindung, welche genauso wichtig und innovativ ist, wie der Morse-Code, das Telefon, das Radio, das Fernsehen oder der PC”.

Als ich von der World Series of Poker berichtete und in der Presse-Box im Rio saß, erfuhr ich, daß Michael Jackson gestorben ist. Die Nachricht verbreitete sich sehr schnell bei den Spielern im Amazon Ballroom. Die Spieler erfuhren auf dem gleichen Weg von den Neuigkeiten, wie ich selbst – durch Twitter. Die Pros mit einem Twitteraccount gaben die Nachricht an ihre Tischkollegen weiter. Für eine ganze Zeit, war der Tod von Michael Jackson das Hauptgesprächsthema an den Spieltischen.
Twitter ist in den USA die Hauptquelle für Schlagzeilen und News. In der Zeit in welcher ich die ersten beiden Abschnitte dieses Artikels schrieb, erfuhr ich daß eine Bekannte von mir schwanger ist, in Mexiko ein Flugzeug entführt wurde und Japans First Lady der Meinung ist, daß die Venus ein wundervoller Platz ist.

Seit dem Start von Twitter, gab es einige Momente, in welchen es durch die Technik möglich war weiterhin Informationen zu verteilen, obwohl eigentlich die Informationswege durch z.B. Naturkatastrophen blockiert waren. Während eines Erdbebens in China konnte ein Opfer seinen Rettern seinen “Standort” zu twittern und wurde so aus den Trümmern geborgen.

Twitter hat außerdem schon unter Beweis gestellt, daß es als Back-Channel in der Kommunikation bei politischen Krisenherden eingesetzt werden kann. In Moldawien benutzten die Einwohner Twitter um Unterstützung gegen eine Wiederwahl von Vladimir Voronin und der kommunistischen Partei zu sammeln. Nach dem umstrittenen Wahlsieg von Präsident Mahmoud Ahmadinejad im Iran gab es jede Menge Proteste. Die Straßen waren voll mit Demonstranten, welche den Wahlbetrug anprangerten und es gab Krawalle. Die iranische Regierung verbannte ausländische Medienvertreter aus dem Land und versuchte verzweifelt den Informationsfluss nach außen zu verhindern. Trotz dieser drakonischen Maßnahmen, organisierten sich die Massen und protestierten über Twitter.

Twitter stiftet keine politischen Revolutionen an, aber die Leute, welche eine Revolution auslösen möchten, nutzen Twitter zu ihren Gunsten. Aber nicht jeder nutzt Twitter, um die Welt zu verbessern. Twitter ist immer noch überwiegend ein Projekt der Eitelkeit, bei welchem die Nutzer das Internet mit ihren eigenen trivialen Aktivitäten zu spammen. Wenn diese einfach zu nutzende Technik in die Hände der Massen fällt, ist das Resultat eine ekelerregende Darstellung von hoffungslosem Narzissmus.

Das ist die Crux von Twitter —— es ist das, was man selbst daraus macht.

In den Monaten vor der 2009 WSOP, wurde Twitter immer beliebter und die Useranzahl stieg ständig. Diese Plattform, welche jahrelang nur von Geeks und Technik-Freaks dominiert, war ins Rampenlicht geraten und viele Promis, wie z.B. Ashton Kutcher entdeckten Twitter und setzen die Plattform für eigene Werbezwecke ein. Als Resultat davon, interessierten sich immer mehr Leute für Twitter, wozu natürlich auch Pokerspieler gehörten, welche entdeckten, wie hilfreich diese neue Technologie sein kann. Außerdem hatten sie durch das Twittern dann während dem Pokerspiel auch noch etwas Sinnvolles zu tun.

“Twitter hat den Pokerspielern eine direkte Stimme gegeben“ erklärt der Pokerjournalist Brad Willis vom PokerStars Blog. “Noch zwei Jahre vorher, hatte ein Spieler im Falle dessen, daß er ein Interview geben sollte, die Zeit darüber nachzudenken, er konnte sich in die richtige Stimmung bringen und rationell denken. Mittlerweile kann jeder während eines Spiels “in den Kopf des Pokerspielers sehen“ und direkt dabei sein, wenn etwas passiert“.

Barry Greenstein ist immer sehr ruhig am Spieltisch. Ich wusste nie, wie Barry wirklich war, bevor ich anfing ihm auf Twitter zu folgen. Ich entdeckte schnell, daß er eigentlich ein sehr spaßiger Pokerspieler mit einem guten Sinn für Humor ist. Twitter gab mir und jedem Anderen die Möglichkeit ins innere dieses Pokerspielers zu blicken.

Doyle Brunson ist halt anders, als viele andere Pensionisten, er interessiert sich für neue Technologien und nutzt Twitter regelmäßig. Wenn man seine Tweets liest, denkt man manchmal es würde sich bei ihm um einen kleinen Jungen im Bonbonladen handeln. Obwohl sich einige seiner Witze anhören, als wären sie aus einer Comedy-Show in den 50’er Jahren geklaut, mag ich seine texanischen Weisheiten.

“Twitter ermöglicht uns einen klareren Blick auf die Person an sich” sagt BJ Nemeth, ein bekannter Turnier-Reporter, welcher zu den 15.000 Doyle Followers gehört. “Einen der Vorteile von Twitter erkennt man erst dann, wenn die entsprechende Person nicht mehr unter uns weilt. Es wäre doch einfach nur unglaublich, wenn historische Twitter Feeds von Babe Ruth, Mickey Mantle oder Stu Ungar existieren würden? Durch dieses Medium können wir ein anderes Level an persönlichen Einblicken erzielen”.

Während der WSOP 2009 verfolgte ich die Twitter Feeds etlicher PokerPros. Als Turnier-Reporter waren natürlich entscheidende Hände, Kommentare und aktuelle Eliminierungen für mich am wichtigsten. Wenn an einem Tag mehrere Poker Turniere stattfinden, führt dies oft zu einem Informations-Overload. Es ist sehr schwierig sich durch alle diese Information durchzuarbeiten und das Wichtigste heraus zu filtern.

Der Filmemacher Alfred Hitchcock sagte einmal, daß seine Filme wie das wahre Leben wären, nur ohne die langweiligen Stellen. Bei Twitter werden viele dieser langweiligen und unwichtigen Momente festgehalten. Wenn ein Spieler aus einem Turnier ausscheidet, nörgelt er natürlich meistens auf Twitter – jammert über Bad Beats und veröffentlicht Bilder vom Essen.

An den meisten Tagen musste ich mich an meinem Laptop einfach nur aufregen: “Wieso habe ich mich bei Twitter angemeldet? Alles was ich wollte, waren doch nur *** Chip-Counts!”.

Twitter ist genau das, was die User daraus machen, aber nicht alle Pros nutzen Twitter auf die gleiche Art und Weise. Manche Pros schreiben über jede gespielte Hand. Wenn Harrah’s oder das Turnierpersonal unfreundlich war oder jemand einen Bad Beat hatte, finden wir dies ebenfalls bei Twitter.

Jeder E-Promi möchte der Star in seiner eigenen Reality TV Show sein und Twitter bietet eine billige Möglichkeit diese Wünsche zu erfüllen. Twitter gibt den Poker-Pros die Möglichkeit ihre menschliche Seite zu zeigen, für ihre Marke zu werben und die Öffentlichkeit mit Hilfe eines virtuellen Forums zu beschäftigen.

Nachdem ich diesen Sommer einige Twitter Feeds von bekannten PokerPros verfolgt hatte, finden Sie nachfolgend meine Gesamteindrücke:

Phil Ivey (@philivey) updatet seinen eigenen Account nur selten. Der Account wird von einem Bekannten gepflegt. Ich denke, eigentlich will er gar keinen Twitteraccount, aber es ist halt ein gutes Marketing-Tool für Full Tilt. Schlecht, ich dachte, ich könnte etwas mehr über ihn erfahren, während er Unsummen Geld bei x-beliebigen Sportveranstaltungen verwettet.

Annie Duke (@RealAnnieDuke) nutzte Twitter sehr effektiv, als sie bei den Celebrity Apprentice einen handfesten Streit mit Joan Rivers hatte. Außerdem liebt es Annie, Bilder ihres Essens zu veröffentlichen. Daumen nach oben Annie!

Haben Sie schon gesehen, wieviele Follower Joe Sebok (@joesebok) hat? Mehr als die Einwohneranzahl einer kleinen amerikanischen Stadt. Er liebt es zu twittern und hat einen sehr guten Musikgeschmack, wobei er aber zu oft die Dave Matthews Band hört.

Der WSOP Bevollmächtigte Jeffrey Pollack (@JeffreyPollack) eröffnete einen Account und pflegte ihn regelmäßig direkt vom Amazon Ballroom aus. Es war auch immer schnell mit dabei etwas richtig zu stellen, falls irgendwelche falschen Gerüchte in Umlauf gebracht wurden.

David Williams (@dwpoker) tweetet einfach zuviel. Manchmal ist weniger einfach mehr, David.

Allen Kessler (@allenkessler) musste eine Menge Bad Beats am Spieltisch hinnehmen und seine Asse hielten nie.

Eines Nachts spielte Erica Schoenberg (@thehitwoman) in einem Turnier und war hungrig. Sie rief nach ihrem Lebensgefährten, David Benyamine, und fragte ihn, ob er ihr etwas zu Essen bringen könnte, nachdem ihr Spiel im Bellagio beendet ist. Er kam dann mit zwei großen Tüten voll mit McDonald Essen und Schoenberg hatte nichts anderes zu tun, als ihren Missmut über die schlechte Menu-Auswahl sofort zu twittern.

Schauen Sie doch mal, wer so alles zu den “Followern“ von Barry Greenstein (@barrygreenstein) gehört. Natürlich sein Sohn, Joe Sebock – und sieben heiße asiatische Mädels.

Sogar die Europäer haben Twitter schon entdeckt. Annette Obrestad (@Annette_15) twittert schon und berichtete, daß eines ihrer Kätzchen in die Toilette gefallen war. “Arme Katze“ sagte Annette.

Die Tweets von Marcel Luske’s (@marcelluske) klingen wie schlecht übersetzte Poesie. Was bedeutet z.B. folgendes:” We are only creating memories on the road to nowhere. So what’s really important then?”

Daniel Negreanu (@RealKidPoker) bekam Probleme mit einem Tweet, als er eine unberechenbare Spielerin an seine Spieltisch als “whackjob surprise” bezeichnete. Die Spielerin war Julie Schneider, die Frau von Tom Schneider, dem 2007 WSOP Spieler des Jahres. Tom las den Tweet und berichtete seiner Frau darüber. Sie rief Negreanu an, welcher sich danach schnell entschuldigte. Seine nächste Nachricht lautete: “Augenscheinlich liest die Lady mein Twitter“. Und die Moral von der Geschichte? Überlegen Sie sich sehr genau, was Sie am Spieltisch so in Ihren Twitter-Account schreiben.

Wenn einige Leute denken ihr Leben wäre zu monoton oder langweilig, übernehmen Sie bei Twitter einfach die Rolle ihres Lieblings-Poker-Pros. Es gibt bei Twitter jede Menge Fake Accounts, wie z.B. Russ Hamilton, Eskimo Clark und Vinny Vinh.

Vor einiger Zeit wurden die Fans durch einen Patrik Antonius Fake Twitter Account in die Irre geführt. Als Antonius über seine Twitter Beiträge befragt wurde, antwortete er sichtlich verwirrt:” Was ist denn Twitter?“.

Es gibt noch jede Menge andere Twitter Fake-Accounts, wie z.B für Santa Claus, den Dalai Lama und Dwight on The Office.

Genauso, wie es den Pros überlassen bleibt, wie sie ihren Twitter-Account nutzen, liegt es an uns, wie wir Twitter in unser Leben integrieren. Egal ob wir Voyeure, Fans oder einfach nur neugierig sind, Twitter ist unser Pfad in das Leben dieser Leute.

Brad Willis erklärte:“ Das schöne an Twitter ist, ähnlich wie beim Fernsehen, daß man einfach den Kanal wechseln kann, wenn man etwas nicht mehr sehen möchte oder bei Twitter einfach auf “unfollow“ klickt, wenn etwas uninteressant wird.

Ich bin mir immer noch nicht so ganz sicher, was ich von Twitter halten soll, ganz speziell im Bezug auf Poker. Momentan ist es für mich immer noch ein Vergnügen, welches mir irgendwie Gewissensbisse verursacht. Ich möchte die Bilder von Annie Duke’s Frühstück sehen, ich möchte wissen, was Steely Dan sang, als ihm Jeffrey Pollack zuhörte und ich möchte wissen, welche Witze Texas Dolly macht.

Aber Jungs und Mädels, müsst ihr wirklich über jede eurer Bad Beat Storys twittern? Ich sollte vielleicht Strafen für “Bad Beat Tweets” einführen.

Mehr über Dr. Pauly's Arbeit lesen Sie auf TaoPoker.com. Vielleicht sollten Sie ja einfach mal mit PokerNews twittern. Wenn Sie noch an der WCCOP teilnehmen möchten, sollten Sie sich jetzt sofort einen Account bei PokerStars eröffnen und sich Ihren Sitz sichern.

Name Surname
Paul 'Dr. Pauly' McGuire

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