Der Poker Psychotherapeut: Recency und Primacy Effekte

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Sowohl der Recency - Effekt, als auch der Primacy - Effekt sind recht einfach zu erklären, aber unter Umständen sehr schwer anzuwenden. Wenn wir ein Beispiel benötigen, sollten wir uns vorstellen, wir würden aufgefordert uns eine Liste mit verschiedenen Gegenständen einzuprägen. Man erinnert sich besser an den ersten Gegenstand der Liste, als an die mittleren Gegenstände. Dies ist der Primacy-Effekt. Wenn die Liste nun immer länger wird, wird es immer schwieriger werden alles in Erinnerung zu behalten, man wird etwas verwirrt und erinnert sich oft nur noch an den letzten Gegenstand bzw. an die letzten Gegenstände in der Liste. Dies nennt man den Recency Effekt.

Der Recency Effekt findet seine Anwendung in der Tatsache, daß wir dazu tendieren, unsere Entscheidungen auf unseren aktuellen Beobachtungen zu begründen – die letzten Dinge, welche wir gesehen bzw. gehört haben. Ein Beispiel: Sie sehen einen Unaufmerksamen, welcher von einem Bus erfasst wird, weil er nicht nach beiden Seiten geschaut hat, bevor er auf die Fahrbahn trat. Ich garantiere, daß Sie bei der nächsten Straßenüberquerung nach beiden Seiten schauen werden.

Leute, welche Sportwetten abgeben, sind oft Opfer von Recency Effekten. Ein Team hatte bisher eine erfolglose Saison, gewinnt nun aber plötzlich gegen einen relativ guten Gegner. Der Gambler sieht dies, insbesondere wenn er beim Wetten bereits Geld verloren hat, und denkt: Diese Jungs haben etwas entdeckt, es scheint so als würde es jetzt bei ihnen gut laufen, deshalb sollte ich nächste Woche auf diese Mannschaft setzen. Natürlich wird die schlechte Mannschaft in der nächsten Woche wieder schlecht spielen und der Gambler wird verzweifelt sein. Wenn das Team 8 Wochen schlecht gespielt hat, warum sollte ein Spiel, bei welchem Sie Glück hatten, etwas an Ihrem grundsätzlichen Spiel ändern? Warum? Der Recency Effekt.

Übertragen wir das ganze Mal auf Poker. Der Spieler auf Platz 4 ist, wie Sie wissen eine Calling-Station, hat aber gerade einen Three-Barrel Bluff gegen den Chipleader durchgezogen und einen hohen Pot gewonnen. Der Spieler auf Platz 4 eröffnet danach im nächsten Pot mit einem hohen Bet. Was denken Sie? Sei vorsichtig. Wenn Sie drei oder vier Stunden lang Reads gesammelt haben, welche Ihnen sagen dies ist ein “Rock“, warum sollte eine Hand Ihre Reads verändern? Wieder haben wir es mit dem Recency Effekt zu tun. Sie haben den Bluff gesehen und denken nun, dieser Spieler wäre ein wirklich guter Spieler und dies nur wegen einer einzigen Hand? Sicher, vielleicht hat er ja seine Spielweise verändert oder ist gerade eben erst richtig wach geworden. Richtig! Es ist auf jeden Fall sinnvoll sein Spiel etwas genauer zu beobachten und es eventuell neu zu bewerten, aber eine einzige Hand kann doch nicht das Ergebnis von etlichen Stunden guter Reads verändern.

Der Recency Effekt ist relativ einfach zu umgehen; wir müssen halt nur erkennen, daß eine Hand eben nur eine Hand ist und wir jede einzelne Hand bei den Reads unserer Gegenspieler berücksichtigen müssen. Wenn eine aktuelle Hand uns zusätzliche Informationen zu einem Spieler liefert, fügen wir diese Informationen den bereits vorhandenen Informationen hinzu. Wir nehmen zur Kenntnis, daß das aktuelle Spiel vielleicht ein Zeichen für eine Veränderung in seinem Spielstil sein könnte – aber eine einzige Hand, ist halt nur eine einzige Hand. Wenn Sie nun allerdings den Primacy Effekt vermeiden möchten, wird es etwas schwieriger. Wenn wir uns die Reads über einen Spieler ansehen, denken wir oft, wir hätten den Plan von ihm im Sack. Es kommen dann neue Spieler an den Spieltisch und wir müssen uns darauf konzentrieren erste Reads von diesen neuen Spielern zu bekommen. Es ist üblich, daß man dann an seinen ersten Reads festhält. Wir alle haben die Tendenz uns an die Sachen zu erinnern, welche uns zuerst aufgefallen sind und welche wir als Reads gespeichert haben und wir möchten auch an diesen Reads dann nichts mehr ändern. Es gehört zur menschlichen Natur an alten Erfahrungen festzuhalten; wir nennen dies den Primacy Effekt.

Ob am Pokertisch oder bei irgendeiner anderen Gelegenheit, wenn wir mal eine Meinung zu einer Person haben, neigen wir dazu an dieser Meinung festzuhalten, wenn es keinen wirklich wichtigen Anhaltspunkt dafür gibt, eine Motivation, welche uns dazu bringt diese festgesetzte Meinung zu ändern. Bei Poker besteht diese Motivation darin, daß man Chips verlieren wird, wenn man nicht darauf reagiert, falls ein Spieler sein Spiel verändert und man seine Reads nicht entsprechend anpasst.

Man kann die Recency bzw. Primacy Effekte niemals komplett ausschließen. Man muss halt immer dafür offen sein, die eigenen Reads anzupassen, wenn neue, solide Informationen vorliegen – was aber bedeutet, daß man dies nicht auf Basis einer einzelnen Hand tun sollte, welche von unserem Gegenspieler mal ausnahmsweise etwas anders gespielt wurde.

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