Oktober 15, 2009, Barry Carter

In der letzen Woche berichtete Barry Carter darüber, daß er sich durch den Sport-Psychologen Jared Tendler beraten lässt. Hier finden Sie Teil 1 des Artikels.
Schon nach einigen Wochen Behandlung bei Jared Tendler war ich ein neuer Mensch, es war so, als hätten sich alle meine Probleme über Nacht gelöst. Sobald ich den Mut hatte über meine Abneigung gegen Risiken zu reden, schien sie auf wundersame Weise, verschwunden zu sein. Jedes Mal, wenn ich am Spieltisch ein Risiko nur widerwillig einging (natürlich ein kalkuliertes, profitables Risiko - ich meine damit nicht mit 6-High ein All-In zu callen), machte ich mir eine Notiz darüber und analysierte die Hand und die Spielsituation später in aller Ruhe. Ich finde es nun sehr viel angenehmer, mich auf eine Session vorzubereiten, oder nach einer Session wieder etwas runter zu kommen; ich genieße es mein Hände zu analysieren und dabei mehr über Poker zu lernen. Ich fühle, daß mich diese Vorgehensweise weiter bringt und mich nicht nur kurzfristig beruhigt.
Manchmal bin ich allerdings auch ein wenig besorgt, ob mein neu gefundener Wille Risiken einzugehen und meinen Skill zu verbessern, nicht doch irgendwie auf einem Placebo-Effekt beruht. Daß ich diese neuen Dinge nur tue, weil ich in Behandlung bei einem Sport-Psychologen bin und nicht deswegen, weil ich es von mir aus tun will. Jared bestätigte mir, daß meine Bedenken nicht ganz unbegründet sind.
Den Prozess, welchen ich momentan durchlaufe, ist die dritte Stufe des Lernens, welche man als “bewusste Fähigkeit” bezeichnet, was bedeutet, daß ich in der Lage bin meinen Skill zu verbessern, indem ich mich bewusst mit bestimmten Situationen beschäftige. Die erste Stufe ist unbewusste Unfähigkeit (ich bemerke nicht, daß ich bei etwas versage), die zweite Stufe ist bewusste Unfähigkeit (ich weiss, daß ich etwas Bestimmtes nicht kann), danach folgt die Bewusste Fähigkeit (ich kann meine Fähigkeiten einsetzen, wenn ich mich damit beschäftige) und die letzte Stufe nennt sich unbewusste Fähigkeiten (ich kann meine Fähigkeiten anwenden, ohne groß darüber nachdenken zu müssen). Man könnte es irgendwie mit der Situation vergleichen, wenn man nach der Führerscheinprüfung das erste Mal am Steuer eines Wagens sitzt und dann im Vergleich dazu die Situation betrachten, wenn man schon einige Jahre Erfahrung hat. Am Anfang war man nur nervös und hatte Angst und später könnte man mit geschlossenen Augen fahren.
Wie erkenne ich, daß ich die letzte Stufe der bewussten Fähigkeiten erreicht habe? Man kann es nur schwer glauben, aber man kann die Situation ganz gut anhand des “Tilt“ Zustandes bewerten. “Tilt ist eine gute Sache, daran erkennt man sehr gut, wo man steht“ erklärte mir Tendler. Wenn man auf Tilt ist, sind die Handlungen am Spieltisch sehr instinktiv und reaktiv. Tilten zeigt Ihnen, was Sie wirklich gelernt haben und somit auch woran Sie noch arbeiten müssen. In einer idealen Welt sollte man eigentlich nie in solch eine Situation kommen, aber wenn ich kaum noch Chips habe, kann ich auf Tilt sehr viele Informationen darüber erhalten, wo ich stehe. Hoffentlich zeigt sich dann, daß sich mein C-Game verbessert hat, obwohl man eigentlich nie etwas anderes spielen sollte, als das A-Game. Wenn man sein schlechtestes Spiel auch nur ein wenig verbessern kann, ist dies auf jeden Fall auch ein kleiner Schritt nach vorne.
Ich bin allerdings bei Bad Beats oder in Situationen, wenn es schlecht läuft immer noch ein wenig frustriert. Meine drei Symptome haben sich zwar erheblich verbessert und ich kann viel besser mit Bad Beats umgehen, aber es war halt immer noch ein Thema. Jared fragte mich, wie ich mich dann fühlte und ich antwortete “unfair“. Auf diese Äußerung wollten wir noch etwas tiefer eingehen. Es scheint so daß die Sache mit der “Fairness“, welche ich erwartete, irgendwie auf meiner Tätigkeit als Pokerjournalist beruhte. Ich hatte die letzten Jahre damit verbracht, über Menschen zu berichten, welche beim Pokern hohe Geldsummen gewonnen haben. Ich habe diese Jungs interviewt und mich mit ihnen darüber unterhalten, wie großartig es ist, solche Summen zu gewinnen und wie diese Summen das Leben verändern können.
Ich erklärte, daß ich schon immer mal gerne ein großes Live Turnier gewinnen möchte, ich wollte schon immer mal der Junge mit dem Pokal sein, derjenige, welcher nach seinem Sieg interviewt wird und erklärt, wie das Geld sein Leben verändern wird. Was würde passieren mal an der Reihe war mit dem Gewinnen war? Ich machte einige bedeutungslose Bemerkungen, welche man gleich wieder vergessen kann. Ich sagte zum Scherz: “Ich sollte damit aufhören SNG’s und Cash Games zu spielen und mal wieder an einem Live Turnier teilnehmen (ich hatte während diesem Jahr fast keine Live Turniere gespielt)”. Jared beschäftigte sich sofort mit meiner Antwort.
Als erstes dachte ich:“ Es war nur ein Witz, es hatte nichts zu bedeuten, verschwende nicht unsere Sitzungszeit mit dieser Aussage“.
Aber er ging intensiv auf meine Aussage ein und bohrte tiefer.
Er verglich diese Situation mit einer Situation, welche ihm im Bereich Sport-Journalismus aufgefallen war. Viele Sportjournalisten versagen bei der Sportart über welche sie gerade berichten (außer den Ex-Sportlern, da diese über eine Menge Erfahrung verfügen) und wissen nicht was so in der Umkleidekabine, bei den Fans oder auf dem Spielfeld zugeht. Die Leute aus der jeweiligen Branche hingegen wissen genau dass einige viel gelesene Journalisten wenig Ahnung davon haben, über was sie reden und oft nur über oberflächliche Beobachtungen berichten.
Aber Poker ist anders; Ich bin an erster Stelle Pokerspieler und weiss nicht nur, was in der Branche abgeht, sondern weiss außerdem, was es bedeutet Poker zu spielen. Jared spielt nicht oft Poker, er weiss aber genug um zu wissen, warum wir Turniere auch als “donkaments” bezeichnen und daß es nicht bedeutet, daß man ein guter Spieler ist, nur weil man mal ein einzelnes Turnier gewonnen hat. Er unterstellte mir, dass ich durch den Gewinn eines Turniers Anerkennung von Leuten bekommen möchte, welche ich nicht respektiere. Die Spielbeobachter - die Journalisten und die Mainstream Medien - welche wenig über das Spiel wissen, erhalten also nicht den Respekt der Leute, welche ich bewundere.
Anerkennung sowohl als Spieler, als auch als Journalist zu bekommen, war immer äußerst wichtig für mich, ich glaube, das war schon immer ziemlich klar gewesen, hat aber auch etwas von einer Bombe. Wir sprachen weiter und entdeckten dass ein Teil meiner Frustration beim Spiel daraus bedingt, dass ich nichts gewinne, weil ich eigentlich nicht den ersten Platz gewinnen möchte???? Sehr verwirrend, diese Aussage führte aber zu einer ausführlichen Diskussion über das Thema Zielsetzung und darüber, was ich wirklich von dem Spiel erwarte. Ich liebe immer noch Live Turnier und es ist großartig, wenn man eine hohe Geldsumme gewinnt, ich habe aber meinen Geist geöffnet und es wird interessant sein, herauszufinden, was ich wirklich von dem Spiel erwarte.
"Scheint es immer noch unfair zu sein?” fragte mich Jared.
"Nein, ich bin mir zwar nicht ganz sicher wie ich nun fühle, aber es hat sich auf jeden Fall etwas verändert“ antwortete ich ihm.
In der nächsten Woche geht es mit Teil 3 weiter.
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