edit

Full Tilt's Rechtssituation: Maurice "Mac" Verstandig im Interview

PokerNews

Um eine juristische Perpektive auf die Full Tilt Poker Causa zu bekommen, sprach PokerNews mit Maurice “Mac” VerStandig, einem der Partner bei Offit Kurman Attorneys At Law, der als Prozessanwalt ein umfangreiches Wissen über die Gaming-Industrie und die Gesetze bezüglich moneträen Betrugs und Schneeballsysteme aufweist. Zudem kennt VerStandig in der Poker-Szene sehr gut aus und kennt sich mit den neuesten Entwicklungen am Online-Sektor bestens aus.

Was sind Ihre Gedanken zu den Anklageschriften im Zuge des Black Friday?
Als Anwalt, der sich in der Gaming-Industrie auskennt, waren Elemente daraus unausweichlich. PokerStars und Full Tilt im speziellen, und UltimateBet bis zu einem gewissen Grad, agierten zu angeberisch. Vor allem die Werbekampagnen im Fernsehen und die .net-Auftritte beschworen den Streit fast schon herauf. Mich überrascht es nicht, dass sich die Regierung letztlich zu diesem Schritt entschlossen hat. Ich weiß, dass es Anstrengungen in Richtung einer Legalisierung gab, aber irgendwie sind die Anbieter zu schnell zu groß geworden. Um in der Ikarus-Metapher zu sprechen: Sie sind zu nahe an der Sonne geflogen.

Nach Ihrem derzeitigen Wissensstand: Handelt es sich dabei um ein Schneeballsystem?
Das Prinzip des Schneeballsystems bildet nicht wirklich genau ab, was dort passiert ist und ist eine äußerst unzutreffende Bezeichnung. Ein Schneeballsystem ist Betrug an Investoren, wo es eigentlich kein Investment gibt und die alten Investoren nur vom eingebrachten Geld der neuen leben. Zwei populäre Beispiele sind jene von Charles Ponzi und Bernie Madoff, aber so etwas passiert auch auf kleinerer Basis. Wenn man durch die ländlichen Gegenden der USA fährt, dann stößt man oft auf diverse Betrügereien.

Worin unterscheidet sich der mutmaßliche Betrug bei Full Tilt von den klassischen Fällen von Schneeballsystemen?
Normalerweise wird den Investoren in einem Schneeballsystem ein Gewinn ohne aktive Arbeit versprochen. Im Grund wird versprochen: Gib mir jetzt dein Geld und ich gebe dir später mehr Geld zurück. Bei Full Tilt Poker kann man die Spieler als Investoren ansehen. Allerdings wurde ihnen ja niemals versprochen, dass ihr Geld sich in ihren Full Tilt Accounts quasi von alleine vermehren würde. Andererseits wurde das Versprechen gemacht, dass man durch die richtige Strategie Geld gewinnen könne, dass man dann auch tatsächlich bekommt. Es war also kein traditionelles Schneeballsystem, sondern einfach nur ein Betrug, wie von der US-Regierung vorgeworfen.

War die Bezeichnung “Schneeballsystem” eine schlecht getroffene Wortwahl des Justizministeriums?
Ich kann mir schon denken, woher die Bezeichnung kommt. Schneeballsysteme sind davon abhängig, dass immer neues Geld herein kommt und es sieht danach aus, als wäre Full Tilt Poker von neuem Geld, das ins System kommt, hochgradig abhängig gewesen. Nur dadurch konnten Spieler sich ihre Funds noch auszahlen lassen. Stimmen die Anschuldigungen, entnahm Full Tilt dem System pro Monat rund zehn Millionen US-Dollar. Dass da überhaupt noch Geld da war, rührt alleine von den Deposits der neuen Spieler. Ich weiß nicht, ob es nur eine schlecht getroffene Bezeichnung war, womöglich wurde es nur zu sehr vereinfacht. Aber ich kann diesen Versuch im Medienzeitalter verstehen. Wenn man etwas einen „massiven Betrugsfall“ nennt, ist das einfach nicht mehr so „sexy“ wie früher.

Viele in der Poker-Welt glauben, dass Full Tilt nicht von Anfang an die Intention hatte, diesen Betrug zu begehen, sondern, dass sich dieser aus einer schlechten Unternehmensführung heraus begründete. Was denken Sie?
Ich muss zuerst klarstellen, dass ich nicht weiß, was Full Tilt gemacht oder nicht gemacht hat. Ich habe die Anklageschrift der Regierung gelesen und kenne die konkreten Vorwürfe, aber ich war nie bei Full Tilt und weiß schon gar nicht, wer was mit welcher Intention gemacht hat. Ich kann bestätigen, dass Internet-Poker vor dem Unlawful Internet Gaming Enforcement Act im Jahr 2006 vom rein ökonomischen Standpunkt her ein gutes Investment war. Party Poker war ein reißender Erfolg in den USA und auch nach dem UIGEA scheint dieses Modell funktioniert zu haben.

Es ist auch sehr aussagekräftig, dass die US-Anwälte nicht in dem Maße gegen PokerStars vorgehen, obwohl dies das weit größere Unternehmen als Full Tilt war. Es sieht also so aus, als wäre Internet-Poker ein lukratives Geschäft, wenn man es richtig führt. Es mag am Rande des Illegalen kratzen und es mag mit Risiken gespickt sein – vor allem, wenn man sich den Markt und die Bedingungen in den USA ansieht – aber es gibt einen Grund, warum Poker seit Jahrzehnten in den Casinos gespielt wird: Das Haus nimmt sich die Rake, damit ist Poker in lukratives Geschäft.

Warum wurde nur gegen Lederer, Ferguson und Furst Zivilklage erhoben und nicht gegen alle 23 “Besitzer” von FTP?
Es gibt [in der Anklageschrift] einen Bezug auf "Player/Owner 1", was wie eine anonyme Figur aussieht, die noch nicht benannt wurde. Ich die genauen Umstände, wie die US-Staatsanwaltschaft mit dem Fall umgeht, nicht. Aber ich kann Ihnen sagen, dass es Situationen in der Juristik gibt, in denen man die strategische Entscheidung fällt, nicht gegen alle Angeklagten gleichzeitig vorzugehen. Oder wo es besser ist, mit einigen kooperativen Angeklagten zusammen zu arbeiten und andere zu verklagen.

Es geht hier ja nicht um einen Kriminalfall, sondern um eine zivilrechtliche Klage. Wir sprechen also über Geld- und Besitzansprüche. Es gibt keine Bestrebungen Howard Lederer ins Gefängnis zu bringen oder von Chris Ferguson 500 Stunden Sozialdienst zu fordern. Es geht rein um Geld. Warum andere Perosnen nicht namentlich angeklagt wurden, darüber könnte ich maximal spekulieren. Leute, die kooperieren, könnten verschont bleiben. Oder auch solche, die keine nennenswerten Beträge hinterzogen haben. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass gegen weitere Personen zu einem späteren Zeitpunkt eine ähnliche Klage eingebracht wird. Oder, dass es Personen aus Übersee betrifft, auf die die US-Justiz keinen Zugriff hat.

Warum wird hier nur zivilrechtlich und nicht auch strafrechtlich verfolgt?
Das ist eine Entscheidung der US-Staatsanwaltschaft. Es gibt eine kriminelle Aktion, die letzlich zum Teil den „Black Friday“ mit ausgelöst hat. Hier macht es Sinn, zivilrechtliche Aktionen durchzuführen um eine Beschlagnahmung diverser Gelder zu erwirken. Durch diese Wahl kommt die Regierung an dieses Geld heran.

Warum nicht auch parallel strafrechtlich verfolgt wird, darüber kann ich wieder nur spekulieren, da ich die Motive der Staatsanwaltschaft nicht kenne. Es ist aber interessant, dass Lederer und Ferguson in der Anklageschrift nicht explizit vorgeworfen wird, irreführende Statements über die Sicherheit der Player-Funds auf Full Tilt getätigt zu haben. Ihnen wird lediglich betrügerische Absicht und Geldwäsche vorgeworfen.

Welche Art von Aktionen kann das Justizministerium gegen Lederer, Ferguson und Furst durchführen?
Basierend auf der Zivilklage kann man annehmen, dass diverse Anlagewerte bereits beschlagnahmt wurden. Die größten davon, zwar nicht unbedingt gegen die aktuellen Angeklagten, war die Beschlagnahmung der Domains UltimateBet.com, FullTiltPoker.com und PokerStars.com. Dadurch gingen diese Domains offline, bevor sich die Justiz mit den Betreibern einigen konnte.

Aktuell wird behauptet, dass Zahlungen auf Schweizer Bankkonten durchgeführt wurden. Ferguson und Lederer besitzen Konten und ich wäre nicht überrascht, wenn es Bemühungen geben würde, diese einzufrieren, bis dieser Fall ausjudiziert ist. Aber ich weiß nicht, was bereits unternommen worden ist oder welche Aktionen in den nächsten Tagen noch folgen werden.

Wenn deren Besitz und Konten beschlagnahmt werden, werden diese dann auf die Spieler, die ihr Geld auf Full Tilt hatten, aufgeteilt?
Eine zivilrechtliche Klage durch die Regierung führt dazu, dass die Justiz die Gelder einsammelt und an die US-Marshals übergibt, die diese Summe dann verwalten.
Es gibt nichts in der Anklageschrift, das darauf hindeutet, dass die Regierung dieses Geld an die Spieler zurückgeben wird. Das heißt nicht, dass es keine Bestrebungen geben könnte, hier einen Kompromiss zu finden. Aber derzeit sind keine Entschädigungen vorgesehen.

Das schwierige daran ist, festzustellen, wer wieviel bekommen würde. Bei normalen Schneeballsystemen würden die Investoren ihren Einsatz wieder zurückbekommen. Aber ein Poker-Spieler, der 100 US-Dollar eingezahlt, und dann 50 davon verloren hat: Würde man ihm 100 oder 50 Dollar wieder geben? Wenn man dann auch noch die Legitimität von Rake mit in Betracht zieht, wird es richtig schwierig. Zudem kommt der Umstand, dass es „Phantom-Deposits“ gab, weil Full Tilt ja zu keinem Zeitpunkt so viel Geld am Konto hatte, wie alle Spieler zusammen genommen in ihren Accounts. Dadurch ergibt sich wiederum die Frage, wenn man mit „Phantom-Geld“ echtes Geld gewonnen hat.

Sollte der Fall gewonnen werden, kommt das Geld jedenfalls der Regierung der USA zugute und würde von den US-Marshals verwaltet werden. Damit könnte dann viel bezahlt werden, aber das ist derzeit keine Entschädigungs-Klage.

Welchen Einfluss werden diese aktuellen Entwicklungen auf die mögliche zukünftige Legalisierung und Regulierung im Online-Poker haben?
Dieser Fall ist das beste Argument für eine Legalisierung und Regulierung von Online Poker. Die Realität ist, dass trotz des „Black Friday“ in den USA im Internet gepokert wird. Es gibt Missstände in der Regulierung und Risiken für die US-Spieler. Nun gibt es zwingende Argumente, den Spielern genau diesen Schutz zu bieten, den sie auch beim Spielen im Hard Rock in Hollywood bis hin zu Bobby’s Room im Bellagio haben. Ich vermute, das wird zu einem der besseren Argumente für eine Legalisierung werden, aber ich bin mir auch sicher, dass Gegner genau das benutzen werden, um einer möglichen Legalisierung den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Bleiben Sie dran und folgen Sie uns auf Twitter und Facebook.

Die neue Full Tilt Poker Software ist da. PokerNews bietet den Full Tilt Poker Download und einen tollen Bonus.