Ich hatte den ganzen Abend Poker gespielt, als ein junger Spieler neben mir nach einer verlorenen Hand folgendes zu mir sagte: "Mann, ich kann einfach nicht einschätzen, was der alte Mann auf der Hand hat".
Ich war ein wenig überrascht, da der Gentleman, auf welchen er sich bezog, in den letzten Stunden eine Menge Hände gespielt hatte und beim Showdown einige Hände gezeigt hatte. Deshalb war ich mir sicher, einen relativ guten Read auf ihn zu haben.
"Auf welche Hand würdest Du ihn setzen?" fragte ich ihn.
Der verzweifelte Spieler sagte:" Ace-King oder Ace-Queen".
Kein schlechter Read, nur dass der Gentleman gesetzt hatte, als hätte er ein mittleres Paar und danach 9-9 zeigte. Kurze Zeit später foldete der Spieler erneut und sagte leise zu mir:" Schon wieder ein falscher Read, ich hatte ihn auf A-K gesetzt". Erstaunlicherweise hatte der andere Spieler erneut gesetzt, als hätte er ein mittleres Paar und beim Showdown 7-7 gezeigt.
Ich wunderte mich warum mein junger Tischnachbar seinen Read auf den Gentleman nicht entsprechend angepasst hatte und zwar mindestens um die Sache mit seinem Setzverhalten bei Pocket-Pairs. Er hatte ja mittlerweile einige entsprechende Hände gesehen, somit wäre eine Anpassung des Reads ein leichtes gewesen. Kurz danach löste sich unser Tisch auf, da einige Spieler am abendlichen Turnier teilnahmen, somit hatte ich die Möglichkeit, mich mit dem jungen Spieler über seine Reads zu unterhalten.
Aus dem was er mir erzählt hatte, konnte ich darauf schließen, daß er zwar keine guten Reads hatte, er sich aber immer an seine schlechten Reads erinnerte und trotzdem seinen Read auf den älteren Spieler nicht entsprechend anpasste. Dann erinnerte ich mich daran, daß ich dies schon oft vorher von Spielern gehört hatte, welche gerade dabei waren Reads zu erlernen.
Der Prozess im Laufe welchen man einen Read auf den Gegner bekommt, beruht darauf, daß man weiss, was er auf der Hand hat und man das eigene Spiel entsprechend dieser Vorhersage aufbaut. Reads zu haben, bedeutet nicht so gut sein zu müssen, wie Daniel Negreanu oder immer die Hole Cards richtig voraussagen zu können. Was dieser Spieler machte, war sein Ego zu stärken oder in diesem Fall besser gesagt, zu zerstören, aber es war nicht der Versuch einen Read zu bekommen um Informationen sammeln und dadurch mehr Geld zu gewinnen.
Er hat einen Schritt ausgelassen, welchen wir in der Psychologie als "schrittweise Annäherung" bezeichnen und scheinbar ist er nicht der einzige Spieler, welcher diesen Schritt vergisst. Indem man die Technik der schrittweisen Annäherung benutzt, kann man seine Aktionen, Entscheidungen und Optionen schrittweise verfeinern und optimieren. Wenn wir ein Kind dafür belohnen, daß es versucht zu lesen, wird es erneut versuchen zu lesen. Wir loben das Kind zuerst für das Lesen eines Wortes, dann für das Lesen eines Satzes und dann für das Lesen eines Absatzes bzw. einer ganzen Seite. Wir belohnen nach und nach Verhaltensweisen, welche einzelne Schritte eines Lernprozess sind, dessen Ziel es ist das Lesen zu erlernen. Indem wir jede neue Leistung fördern, nähern wir uns letztendlich unserem angestrebten Ziel.
Sie setzen eine Spieler auf A-K, weil er UTG limpte und dann einen Einsatz auf einem "disconnected" Flop machte. Wenn er dann 8-8 zeigt, müssen Sie ihren Read einfach nur anpassen. Wenn er das nächste Mal UTG limpt, setzen Sie ihn einfach auf ein mittleres Paar; wenn er dann A-K zeigt, müssen Sie ihren Read wieder entsprechend anpassen. Er spielt A-K und mittlere Paare UTG scheinbar gleich. Sie sollten sich keine Gedanken darüber machen, ob ihre Reads wirklich brillant sind, Sie sollten besser darauf achten, wie oft Sie ihre Reads anpassen. Das ist der richtige Denkansatz.
Indem Sie die schrittweise Annäherung anwenden, erlauben Sie es sich selbst eine größere Anzahl von Reads zu machen und erkennen mit der Zeit die Tendenzen eines Spielers, ohne die ursprünglichen Reads außer Acht zu lassen. Es macht nur am Anfang Sinn einen Spieler auf A-K zu setzen; es handelt sich schließlich um eine sehr häufig gespielte Hand. Wenn Sie mit ihrem Read falsch liegen, ist dies kein wirklicher Fehler; Sie haben nur einfach nicht richtig eingeschätzt, wie dieser Spieler Poker spielt. Alles was Sie letztendlich benötigen ist ein verlässlicher und korrekter Read. Wenn Sie die Technik der schrittweisen Annäherung anwenden, werden Sie es mit Sicherheit schaffen mit der Zeit einen verlässlichen Read zu bekommen.
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